Annulierung einer Wettfahrt

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Annulierung einer Wettfahrt

Beitragvon gast » Sa 26. Nov 2011, 12:57

Situation: wenig Wind, stark drehend, keine Kreuz ! - nur Anlieger, Bahnmarken vertreiben trotzdem
Die WL versucht ihr möglichstes, das Chaos in den Griff zu bekommen. Die Boote fahren einem Schlauchboot der WL hinterher, wie im Verfolgungsrennen, dass dann 20 Meter vor dem ersten Boot die Bahnmarke fallen lässt...
Viel Unmut usw. Proteste wegen Zeitlimit usw.
...- doch nun kommt es: Während der Protestfrist hängt der WL einen Zettel an die "Bekanntmachungen" mit: "Die 4.WF wird annuliert." Die Teilnehmer sind alle glücklich über diese Entscheidung, die Protestfrist verstreicht... alle sind friedlich. Am nächsten Tag ist dieser Aushang der WL jedoch wieder verschwunden...
Was darf hier ein WL alles tun ? Ist das regelkonform ? Die Jury sagte dort "Jaaaaa".
Die WL hat auf dem Wasser und an Land alles richtig gemacht. Das erklär mal Kindern....
gast
 

Re: Annulierung einer Wettfahrt

Beitragvon uli_finckh » Sa 26. Nov 2011, 18:22

Die Wettfahrtleitung hätte die Wettfahrt sinnvollerweise auf der Bahn abgebrochen.
Ein nachträgliches Abbrechen (dies ist der sachgerechte Begriff für Annulierung, siehe Definition "Abbruch") der Wettfahrtleitung, wenn die Teilenehmer im Ziel sind, ist nach Regel 32.1 letzter Satz eigentlich nicht möglich.
Das Aushängen der Annulierung ist ein "Fehler der Wettfahrtleitung". Das wieder entfernen desselben zeugt auch nicht gerade von großer Kompetenz hat aber zum Ergebnis, dass sich die Protestfrist für einen Antrag auf Wiedergutmachung entsprechend verschiebt.
Nehmen wir den Vorfall als mahnendes Beispiel um in Zukunft schon auf der Bahn sachgerecht zu entscheiden.
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Re: Annulierung einer Wettfahrt

Beitragvon Helmut » Mo 2. Jan 2012, 13:47

Hallo.
Klar ist, dass eine solche Vorgehensweise der WL nicht sehr schön ist. Aber die Frage war doch nur, ob die WL regelkonform gehandelt hat.

"Ein nachträgliches Abbrechen (dies ist der sachgerechte Begriff für Annulierung, siehe Definition "Abbruch") der Wettfahrtleitung, wenn die Teilenehmer im Ziel sind, ist nach Regel 32.1 letzter Satz eigentlich nicht möglich."

"Eigentlich" ist es aber schon möglich dass die WL eine Wettfahrt abbricht, auch wenn bereits Boote durchs Ziel gegangen sind, nämlich dann, "wenn sie sorgfältig die Konsequenzen für alle Boote.....abgewogen hat". (Hat sie ja hoffentlich).
Nirgendwo steht auch, dass die WL für eine solche Maßname an irgend ein Zeitlimit gebunden ist. Der Abbruch muß damit weder auf dem Wasser erfolgen, noch innerhalb der Protestfrist.

Und mit Regel 32.1 (d) und 32.1 (e ) waren auch "legale" Gründe für den Abbruch gegeben.

Es ist auch nicht zu erkennen dass das Wegnehmen des Aushanges eine "Annulierung der Annulierung" bedeuten sollte. (Ein Rückgängig-Machen des Abbruchs könnte wohl nur das Schiedsgericht im Rahmen eines Antrags auf Wiedergutmachung veranlassen).

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Re: Annulierung einer Wettfahrt

Beitragvon uli_finckh » Mo 2. Jan 2012, 19:59

Helmut,
du hast natürlich recht, dass in den WR und auch in keinem Case etwas steht, dass die Wettfahrtleitung eine Wettfahrt nicht nach Zieldurchgang einiger Boote oder gar aller Boote abbrechen kann. In Regel 32 ist aber der Abbruch durch Flagge "November" und eventueller Zusatzflagge durch die Wettfahrtleitung anzuzeigen. Dies ist aber aber nach Beendigung der Wettfahrt durch die Wettfahrtleitung nicht mehr möglich.
Der Weg über den Aushang scheint mir nur eine Notlösung und sollte dann zumindest min einer ordentlichen Begründung z.B. wegen RRS 32.1(d) erfolgen. Bei einer Begründung nach 32.1(e) sehe ich viele Probleme, da "Fairness" häufig sehr subjektiv gewertet wird.
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Re: Annulierung einer Wettfahrt

Beitragvon Helmut » Mi 4. Jan 2012, 19:18

uli_finckh hat geschrieben:Helmut,
du hast natürlich recht, dass in den WR und auch in keinem Case etwas steht, dass die Wettfahrtleitung eine Wettfahrt nicht nach Zieldurchgang einiger Boote oder gar aller Boote abbrechen kann. In Regel 32 ist aber der Abbruch durch Flagge "November" und eventueller Zusatzflagge durch die Wettfahrtleitung anzuzeigen. Dies ist aber aber nach Beendigung der Wettfahrt durch die Wettfahrtleitung nicht mehr möglich.
Der Weg über den Aushang scheint mir nur eine Notlösung und sollte dann zumindest min einer ordentlichen Begründung z.B. wegen RRS 32.1(d) erfolgen. Bei einer Begründung nach 32.1(e) sehe ich viele Probleme, da "Fairness" häufig sehr subjektiv gewertet wird.


Hallo Uli.
Ja, man lernt nie aus: Habe verstanden, dass die WL zum Abbruch einer WF die vorgesehenen Signale geben muß dies aber nur kann, solage diese WF nicht beendet ist.
Wenn also die WL regelkonform handeln will, kann sie eine Wettfahrt logischerweise NICHT nach deren Ende abbrechen.
Auch das Schiedsgericht kann ja nach Definition "Abbruch" eine WF abbrechen und das kann ja hier selbstverständlich erst nach der WF geschehen. Unter welchen Voraussetzungen könnte das Schiedsgericht das machen? Nur im Rahmen eines Protest- oder Wiedergutmachungsverfahrens? Welche Möglichkeiten gäbe es?

NB: Irritiert hat mich dieser Satz "Dies ist aber nach Beendigung der Wettfahrt durch die Wettfahrtleitung nicht mehr möglich".
Nach meinem Verständnis endet eine WF:
mit letztem Zieldurchgang oder
mit Ablauf eines Zeitlimits oder
durch Abruchsignal der WL oder
einen sonstigen evtl. in den SA festgelegten Ereignis (z.B. Sturmwarnung).
Eine WF wird (außer im vorletzten Fall) ja nicht aktiv durch die WL beendet. Sie endet quasi automatisch mit Eintritt eines der obigen Kriterien.
Liege ich da falsch?

Helmut
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Re: Annulierung einer Wettfahrt

Beitragvon uli_finckh » Do 5. Jan 2012, 00:09

Das Schiedsgericht kann eine Wettfahrt im Rahmen einer Wiedergutmachungsverhalndlung abbrechen (siehe Regel 64.2). Ich bin auch der Meinung, dass die Wettfahrleitung, wenn sie nach Beendigung der Wettfahrt (alle sind im Ziel oder Zeitlimit ist abgelaufen) der Auffassung ist, dass sie evtl. einen Fehler gemacht hat, hier nach 60.2(b) beim Schiedsgericht Wiedergutmachung beantragen sollte.
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