Abbruch nach Zieldurchgang von Booten

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Abbruch nach Zieldurchgang von Booten

Beitragvon uli_finckh » So 18. Sep 2011, 17:48

Ich erhielt heute von Manfred folgende Frage:
ich habe einen Fall, den ich noch nicht hatte - aber da hast Du sicher einen Tipp.

Heute war schlechtes Wetter, Regen, aber segelbarer Wind Stärke 2 bis 3 bei einer Opti-B-Regatta.

Im Laufe des Zieldurchganges - es waren bereits 9 der 22 Boote gewertet - kamen plötzlich starke Böen auf, bei denen auch einige Schiffe kenterten. Der Wettfahrtleiter entschloss sich zum sofortigen Abbruch, da er mit dem Startschiff ebenfalls als Sicherungsboot tätig werden musste.

Wie ist das nun mit der Wertung: der Abbruch nach 32 (b) ist unstrittig, 32 (e) spricht für die gute Überlegung hinsichtlich der Konsequenzen, weil schon ein Zieldurchgang erfolgt war.

Nach meiner Meinung: Wettfahrt abgebrochen - damit ist die Wettfahrt weg, keine Wertung für die, die schon im Ziel waren.

Nach Meinung des Wettfahrtleiters ohne Einspruch der Eltern: die durch das Ziel Gegangenen werten, der Rest "dnf" - so stand das dann in der Ergebnisliste.

Nach Einspruch der Eltern bei der Siegerehrung gab es eine neue Variante: Wettfahrt abgebrochen, die durch das Ziel Gegangenen wurden mit den entsprechenden Plätzen gewertet, der Rest mit "rdg" auf Platz 10 gesetzt.

Vom Grundsatz her halte ich die letzte Lösung nicht für die Schlechteste - aber nach 64.2 darf das sicher nicht die Wettfahrtleitung machen, sondern ein Schiedsgericht. Das gab es aber nicht, weil es auch keinen Antrag auf Wiedergutmachung durch irgend ein Schiff gab, das diese Lösung für alle hätte anwendbar machen können. Und das wiederum ist eine Folge der Tatsache, dass man in vielen Vereinen die letzte Wettfahrt "geheim" hält und wegen der Spannung bis zur Siegerehrung nicht aushängt.

Dank für den Tipp
Manfred
uli_finckh
 
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Re: Abbruch nach Zieldurchgang von Booten

Beitragvon uli_finckh » So 18. Sep 2011, 17:51

Hallo Manfred,
es ist dies ja kein neues Problem, sondern passiert logischerweise immer wieder.
Richtig ist, dass die Wettfahrtleitung auf Grund von Regel 32.1(b) und (e)die Wettfahrt abbrechen kann. (Dies wird auch in Question and Answer F003 der ISAF bestätigt)
Es kommt aber die Definition Abbruch zum tragen:
Eine Wettfahrt, die von der Wettfahrtleitung abgebrochen wurde, ist ungültig, kann aber erneut gesegelt werden.

Der letzte Satz von Regel 32.1 lautet: "Wenn jedoch ein Boot die Bahn abgesegelt hat und innerhalb des vorgesehenen Zeitlimits durchs Ziel gegangen ist, darf die Wettfahrtleitung die Wettfahrt nicht abbrechen ohne sorgfältig die Konsequenzen für alle Boote in dieser Wettfahrt und der Wettfahrtserie abzuwägen."

Diesen Satz hat der Wettfahrtleiter so interpretiert, dass er die Wettfahrt wertet und den Booten, denen ohne eigenes Verschulden der Zieldurchgang verwehrt wurde, Punkte gibt, die einem Platz nach dem letzten ordentlich durchs Ziel gegangenen entsprechen.

Diese Entscheidung, die sicher dem Gerechtigkeitsempfinden der Segler nahe kommt, ist im Widerspruch zur Definition Abbruch.

Gegen diese Entscheidung kann jeder betroffene Segler Wiedergutmachung innerhalb der geltenden Frist von 2 Stunden (WR62.2) nach Bekanntwerden der Entscheidung beantragen.

Nachdem dies nicht geschehen ist, ist das Ergebnis endgültig.
uli_finckh
 
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