Berufung

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Berufung

Beitragvon gast » Mo 21. Sep 2009, 17:35

1. Welche formalen Anforderungen / Bedingungen müssen für eine Berufung erfüllt / eingehalten werden? 1.1 In welchem Zeitraum nach der Entscheidung des Schiedsgerichts muss die Berufung eingereicht werden? 1.2 Welche Stellen müssen vom Antragsteller informiert werden? 1.3 An wen ist die Berufung einzureichen? 1.4 Welche Angaben sind zu machen? 1.5 Gibt es einen Vordruck / Formular für eine Berufung? 1.6 Welche Unterlagen sollten der Berufung beigefügt werden? 2. Hat es überhaupt Zweck in Berufung zu gehen, wenn aufgrund falscher Angaben der gegnerischen Partei das Schiedsgericht einen Teilnehmer disqualifiziert hat? 3. In Regel 70.1 steht: ....... kann eine Partei gegen eine Entscheidung eines Schiedsgerichtes oder dessen Verfahrensweise , aber nicht gegen den ermittelten Sachverhalt Berufung einlegen. Was bedeutet gegen den ermittelten Sachverhalt ? Für eine qualifizierte Antwort vielen Dank im Voraus
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Berufung

Beitragvon gast » Mo 21. Sep 2009, 18:22

"» » 3. In Regel 70.1 steht: » » ....... kann eine Partei gegen eine Entscheidung eines » Schiedsgerichtes oder dessen Verfahrensweise , aber nicht gegen den » ermittelten Sachverhalt Berufung einlegen. » » Was bedeutet gegen den ermittelten Sachverhalt ? Der Sachverhalt umfasst alle der Entscheidung zugrundeliegenden Tatsachen. \""Tatsachen\"" ist alles, was dem Beweis zugänglich ist, also mit Hilfe von Sachverständigen, Zeugen, Urkunden, eigenem Augenschein eines Mitglieds der Jury oder Aussage der Parteien ermittelt werden kann. Beispiele: Boot A fuhr mit Wind von Backbord
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Beitragvon uli » Mo 21. Sep 2009, 18:35

"» 1. Welche formalen Anforderungen / Bedingungen müssen für eine Berufung » erfüllt / eingehalten werden? » » 1.1 In welchem Zeitraum nach der Entscheidung des Schiedsgerichts muss » die Berufung eingereicht werden? Siehe WR F2.1 \""Nicht später als 15 Tage nach Erhalt der schriftlichen Entscheidung des Schiedsgerichts.\"" Siehe hierzu auch WR 65.2 und Zusatz DSV..: \""Falls von einer Protestpartei die schriftliche Entscheidung angefordert wird, so muss dies spätestens 7 Tage nach Verkünden der Entscheidung geschehen und das Schiedsgericht muss die Entscheidung spätestens 15 Tage nach der Entscheidung der Partei schriftlich zukommen lassen\"" » » 1.2 Welche Stellen müssen vom Antragsteller informiert werden? Der für die Regatta zuständige nationale Verband, also in Deutschland der DSV. Siehe WR F2.1 und WR 70.3 » » 1.3 An wen ist die Berufung einzureichen? An den nationalen Verband (DSV). » » 1.4 Welche Angaben sind zu machen? Siehe WR F2.2 » » 1.5 Gibt es einen Vordruck / Formular für eine Berufung? Es gibt keinen Vordruck. » » 1.6 Welche Unterlagen sollten der Berufung beigefügt werden? Siehe WR F2.2 » 2. Hat es überhaupt Zweck in Berufung zu gehen, wenn aufgrund falscher » Angaben » der gegnerischen Partei das Schiedsgericht einen Teilnehmer » disqualifiziert hat? Wenn dies nachweisbar ist, muss man eine Wiederaufnahme beantragen und dort die entsprechenden Beweismittel vorlegen. Bei einer Berufung geht es um den Zusammenhang zwischen den festgestellten Fakten und der darauf anwendbaren Regeln und/oder Nichteinhalten des ordentlichen Verfahrensweges. » » 3. In Regel 70.1 steht: » » ....... kann eine Partei gegen eine Entscheidung eines » Schiedsgerichtes oder dessen Verfahrensweise , aber nicht gegen den » ermittelten Sachverhalt Berufung einlegen. » » Was bedeutet gegen den ermittelten Sachverhalt ? Der ermittelte Sachverhalt ist die vom Schiedsgericht nach Anhörung aller Parteien und Zeugen niedergeschriebene Beschreibung des Vorfalls, die im Regelfall im Protestformular-Rückseite unter der Überschrift \""ermittelter Sachverhalt\"" steht und eventuell eine Skizze beinhaltet."
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Berufung / ermittelter Sachverhalt

Beitragvon gast » Mo 21. Sep 2009, 22:24

Ich habe noch eine Frage zum ermitteltem Sachverhalt, da die meisten Berufungen scheitern, weil diese sich angeblich gegen den ermittelten Sachverhalt richten. Der ermittelte Sachverhalt ? Ein Schiedsgericht berücksichtigt bei seiner Entscheidung nur den Zeitpunkt des Vorfalls und nicht die Entstehung. Beispiel: [b]Zeitpunkt 1[/b] 3 Boote ( A,B, C ) nähern sich in langsamer Fahrt ( Wind unter 1 Beaufort ) der Startlinie. Boot C ist zu A und B das Luvboot. Zwischen Boot A und Boot C besteht eine Lücke von ca. 20 m . Boot B beabsichtigt diese Lücke zwischen A und C für den Start zu nutzen und stellt eine Leeüberlappung zu Boot C her und fordert Raum von Boot C. Die Aufforderung an Boot C Raum zu geben wird von B noch 2 mal wiederholt. Boot C reagiert nicht. [b]Zeitpunkt 2 [/b] Zwischenzeitlich hat Boot A angeluvt und den zur Verfügung stehenden Raum, der am Anfang ca. 20 m bestand, zugemacht. Es kommt zu einer Berührung der Boote A, B, C. Das Schiedsgericht berücksichtigt als Sachverhalt nur den Zeitpunkt 2 und disqualifiziert Boot B aufgrund Regel 15 und berücksichtigt nicht das Geschehen vor dem Zeitpunkt 2. [b]Frage 1 [/b] Ist gegen diesen ermittelten Sachverhalt des Schiedsgerichts überhaupt eine Berufung möglich ? [b]Sonstiges : [/b] Die Verhandlung ergab, dass die Mitglieder des Schiedsgerichtes keine Kompetenz hatten, eine Protestverhandlung zu führen Sie wussten weder was der Abschnitt C (An Bahnmarken und Hindernissen) der Wettfahrtregeln bedeutet bzw. welche Konsequenzen der Wegfall von der Regel 17.1. beim Start bedeutet. Der Obmann des Schiedsgerichtes hat unter Beschluss und angewandte Regeln dokumentiert: [b]Abschnitt C tritt nicht in Kraft, da Geschehen vor dem Start stattgefunden hat.[/b] [b]Frage 2.[/b] Muss man die Entscheidung eines Schiedsgerichts akzeptieren, das keine Ahnung von den [b]gültigen Wettfahrtregeln[/b] hat? Gibt es eine Möglichkeit dieses Schiedsgericht in Frage zu stellen ?
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Berufung / ermittelter Sachverhalt

Beitragvon uli » Mo 21. Sep 2009, 23:36

Die Frage scheint das Ersuchen um Beratung in einem aktuellen Fall zu sein. Es wird dabei der von einer Seite empfundene Sachverhalt dargestellt. Meist wird aber von der oder den anderen Parteien auf Grund unterschiedlicher Perspektiven und unterschiedlichen zeitlichen Empfindens der Sachverhalt anders empfunden und aus deren Sicht sachgerecht dargestellt. Aus diesen verschiedenen Darstellungen muss das Schiedsgericht so objektiv und umfassend wie möglich den Sachverhalt beschreiben und eventuell durch ein Schaubild verdeutlichen. Um nicht ein laufendes Verfahren zu beeinflussen, verzichte ich auf jede auf die in der Frage beschriebene Situation konkret einzugehen. Für die Berufung gilt aber: Wenn der vom Schiedsgericht aufgeschriebene Sachverhalt nicht die angewandten Regeln und Beschlüsse deckt, hat eine Berufung Erfolgsaussichten. Ebenso hat eine Berufung Erfolgsaussichten, wenn der vom Schiedsgericht aufgeschriebene Sachverhalt wesentliche Fakten, die für den angewandten Beschluss und Regeln notwendig sind, nicht enthält.
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Berufung / ermittelter Sachverhalt

Beitragvon gast » Di 22. Sep 2009, 00:06

Hallo uli, vielen Dank für die schnelle und für mich auch nachzuvollziehende Antwort. Eine Frage bleibt aber offen: inwieweit muss man sich mit einem Schiedsgericht abfinden, das keinerlei Voraussetzungen mitbringt, um die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen?
gast
 

Berufung / ermittelter Sachverhalt

Beitragvon uli » Di 22. Sep 2009, 10:47

Von meinem Freund Albin Molnar stammt folgender Satz: Schiedsgerichte sind wie Naturkatastrophen, nicht berechenbar und nicht versicherbar. Bessere und kompetentere Schiedsgerichte bekommen wir nur, wenn sich mehr aktive Segler bereit erklären diesen nicht ganz einfachen Job zu übernehmen und sich dann aber auch intensiv mit der Materie befassen. Fortbildungsangebote und auch die Möglichkeit bei Verhandlungen zuzuhören gibt es genug.


Zuletzt als neu markiert von Anonymous am Di 22. Sep 2009, 10:47.
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