Zieldurchgang nach Abbruch der Wettfahrt

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Zieldurchgang nach Abbruch der Wettfahrt

Beitragvon Jens Holscher » Sa 30. Sep 2006, 16:22

"Hallo Uli, neulich auf einer Regatta ist mir folgendes passiert: Eine Wettfahrt, die ich nicht zu Ende gesegelt bin, wurde abgebrochen. Dazu wurden die Flaggen \""N\"" und \""H\"" auf dem Startschiff gesetzt. Ein akustisches Signal wurde dazu möglicherweise gegeben - habe ich aber nicht gehört. Das Zielschiff (es war ein Outerloop-Kurs), lag zu diesem Zeitpunkt bereits auf Position und hatte die Zielflagge gehisst. Nachweisbar sind die ersten Boote erst nach dem Setzen der Flaggen durchs Ziel gegangen und wurden abgehupt. Anscheinend gab es mit der Kommunikation zwischen Start- und Zielschiff Schwierigkeiten. An Land beschwerten sich die durchs Ziel gegangenen Teilnehmer, dass die Wettfahrt nicht regelgerecht abgebrochen worden sei und sie hätten gewertet werden müssen. Sie argumentierten damit, dass sie vor ihrem Zieldurchgang weder akustisch noch optisch über den Abbruch informiert worden wären und sie schließlich ja auch im Ziel einen \""Tuut\"" bekommen haben. Nach meiner Ansicht wurde regelgerecht abgebrochen, die nachfolgenden Zieldurchgänge waren damit für diese Wettfahrt ohne Bedeutung. Das setzen der Flagge \""N\"" z.B. auch mit \""H\"" reicht für einen regelgerechten Abbruch aus. Auch wenn - was nich feststeht - kein akustisches Signal gegeben worden wäre, meine ich mich noch an die \""Grundregel\"" erinnern zu können \""optisch vor akustisch\"". Eine weitergehende Information der Segler, die vom Startschiff weiter weg sind, ist zum Abbruch der Wettfahrt keine Pflicht, lediglich ein wünschenswerter Service (ähnlich wie das Motorboot, welches mit dem ersten Hilfsstander nach dem allgemeinen Rückruf die Meute wieder einsammelt). Ein Abhupen hat nach meiner Ansicht ebenfalls keinen Einfluss auf einen vorherigen, regelgerechten Abbruch der Wettfahrt - auch wenn die Zielflagge gesetzt ist. Die blaue Flagge hat doch nur die Bedeutung, dass das Zielschiff auf Position liegt - der Tuut hat gar keine Bedeutung. Meine Fragen: Wurde ordnungsgemäß abgebrochen? Mussten die Zieldurchgänger gewertet werden? Eine weitere Tatsache erregte an Land ebenfalls noch die Diskussion. Und zwar der Grund, warum abgebrochen wurde. Achtung kein Witz: Eine Vielzahl von PKWs standen an Land im absoluten Anhalteverbot und die Polizei - mit gezücktem Stift und Funkgerät - wurde hingehalten, bis die Segler vor Ort waren. Ein Abschleppen mit entsprechend hohen Kosten stand für eine Vielzahl der Teilnehmer kurz bevor. Deswegen wurde abgebrochen. Der Kurs war sehr landnah ausgelegt und nach Entfernen der PKWs wurden noch 2 weitere Wettfahrten gesegelt, so dass wir insgesammt an diesem Tag 5 im Kasten hatten. Meine Fragen: Ist dies ein Grund eine Wettfahrt überhaupt abbrechen zu dürfen. Ist dies eine reine Ermessensentscheidung der Wettfahrtleitung oder darf sie ausschließlich \""seglerische\"" Faktoren in Bezug auf den Abbruch einer Wettfahrt einfließen lassen? Zu Deiner Beruhigung, es war eine kleine lokale Regatta. Dennoch kannst Du Dir vorstellen, dass am Abend beim Bier für Diskussionsstoff mehr als gesorgt war! Über Deine Meinung würde ich mich sehr freuen! Lieben Gruß Jens Holscher"
Jens Holscher
 

Zieldurchgang nach Abbruch der Wettfahrt

Beitragvon uli finckh » Sa 7. Okt 2006, 17:27

Hallo Jens, es wäre interessant welche Gründe die Wettfahrtleitung dafür angibt, dass die Polizeiaktion mit dem Abschleppen der Autos die Sicherheit oder Fairness des Wettbewerbs unmittelbar beeinflusst. Mein obiger Satz ist so zu interpretieren, dass die Abbruchentscheidung nicht Regel 32 entspricht und deshalb als Fehler der Wettfahrtleitung anzusehen ist, es sei denn, die Polzei hat angedroht, die Wettfahrten in Zukunft zu verbieten. Wurde das Setzen des Abbruchsignals (N) von einem Großteil der Segler gesehen, so ist sicher der Abbruch ab diesem Zeitpunkt gültig. Das (vielleicht) fehlende akustische Signal kann deshalb den Abbruch nicht ungeschehen machen. Damit die Leute aber ihr Auto nicht auf irgend einem Depot suchen müssen, hätte die Wettfahrtleitung durch drei klare Töne sicher das umparken beschleunigen können. Nimm es nicht zu ernst. Gruß Uli
uli finckh
 

Zieldurchgang nach Abbruch der Wettfahrt

Beitragvon Jens Holscher » Do 12. Okt 2006, 20:21

Hallo Uli, die Wettfahrtleitung hat wohl bei ihrer Abwägung die Wettfahrt abzuschießen oder nicht es nicht leicht gehabt... Ich denke sie hat (entgegen der Regeln) wohl im überwiegenden Interesse der Segler gehandelt, da keiner im Zeitpunkt des Abbruchs wußte, wen es genau an Land betrifft. - Das einzige was klar war, war dass es sehr viele wohl betreffen würde. Im Nachhinein war dann das Meckern leicht für diejenigen, die es nicht betroffen hat, aber beim Reinsegeln es - genauso wie alle anderen - sehr eilig hatten. Es kam aber zu keinem Protest - insofern mußte sich die Wettfahrtleitung bezüglich des Zusammenhangs mit der Sicherheit oder Fairness des Wettbewerbs nicht rechtfertigen. Das Dilemma ist wohl, dass sie bei einer korrekten Entscheidung zwar gemäß Regel 32 WR gehandelt und die Wettfahrt nicht abgebrochen hätte, die Auswirkungen an Land aber für die Veranstaltung im nächsten Jahr sehr deutlich gewesen wären. Zwar hat sie nun in ihrer Entscheidung nicht gemäß Regel 32 WR gehandelt - aber wohl die Teilnehmerzahl für nächstes Jahr gesichert... Irgendwie nicht Fisch - nicht Fleisch... wie mans macht wärs irgendwie verkehrt gewesen... Aber ich gebe Dir klar Recht - Regel 32 WR ist hier eindeutig! Vielen Dank für Deine schnelle Antwort. Jens


Zuletzt als neu markiert von Anonymous am Do 12. Okt 2006, 20:21.
Jens Holscher
 


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