Hilfe nicht gewünscht...

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Hilfe nicht gewünscht...

Beitragvon Piri-Piri » Mo 7. Okt 2019, 09:09

Ein Boot A kentert.
Ein Trainerboot eilt zur "Unglücksstelle". Der erste Aufrichtversuch der Kinder schlägt fehl, Boot kentert wieder.
Das fremde Boot greift ein und hält den Bug des Bootes fest.
Die Kinder haben nicht um Hilfe gebeten und sind überrascht von dieser Handlung, da keinerlei Gefahr bestand.
Nach erfolgreicher Aufrichtung setzte das Boot A seine Wettfahrt fort und fuhr ins Ziel.

Der Wettfahrtleiter hatte auf dem Startschiff durch setzen des Zahlenwimpels 8 signalisiert, dass Trainer- und Begleitbotte bei Gefahrensituationen in das Regattagebiet einfahren dürfen. Die Hilfe erfolgte nicht durch ein Boot mit RC.

Der Wettfahrtleiter beobachtete die Hilfeleistung.
An Land informierte der WL das Boot von seiner Protestabsicht, daraufhin gab das Boot diese Wettfahrt auf. Der WL hatte zu dem Zeitpunkt keine Kenntnis über die genauen Sachverhalt, nur die Beobachtung.

Boot A beantragt Wiedergutmachung, Einsetzung auf Zielplatz.

Ist die nachdrückliche "Empfehlung" des WL eine fehlerhafte Handlung des Wettfahrtkomittees ?

Wie kann oder muss sich ein Boot gegen unangeforderte Hilfe oder auch nur Informationen zur Wehr setzen ?
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Re: Hilfe nicht gewünscht...

Beitragvon uli_finckh » Mo 7. Okt 2019, 09:50

1. Wenn das Wettfahrtkomitee beabsichtigt, gegen ein Boot wegen eines Vorfalls im Wettfahrtgebiet zu protestieren, dann muss das Wettfahrtkomitee das Bot gemäß WR 61.1(b) innerhalb der Protestfrist über diese Absicht informieren.
Diese Informationspflicht sollte man nicht als ausdrückliche Empfehlung zur Aufgabe des Bootes von der Wettfahrt interpretieren, außer der Wettfahrtleiter hat die falsche Wortwahl getroffen.
2. Es ist äußerst sinnvoll, wenn bei Kenterungen auch Trainerboote ins Stand-By gehen.
3. Hand ans Boot anlegen durch ein Sicherungs- oder Trainerboot ist Hilfeleistung von außen, die nicht durch eine der Ausnahmen in WR 41 gedeckt ist und daher ein Regelverstoß des Bootes. Gegen diesen Regelverstoß muss sich die Mannschaft verbal wehren. Verbale Hilfen zum Aufrichten sind nach WR 41(d) kein Problem für das Boot, es sei denn, dieses Boot ist sein eigenes Trainerboot.
4. Wenn das Boot die Wettfahrt nach der Information der Protestabsicht durch das Wettfahrtkomitee die Wettfahrt aufgibt, ist das seine eigene Entscheidung. Wenn es anschließend einen Antrag auf Wiedergutmachung stellt, dann gibt es dafür keine sachgerechte Begründung. Die Aufgabe der Wettfahrt ist nicht eine unsachgemäße Handlung oder Unterlassung des Wettfahrtkomitees.
5. Der richtige Weg nach diesem Vorfall wäre es, dass das Protestkomitee den Protest des Wettfahrtkomitees behandelt. Im Laufe dieser Anhörung sind dann alle Fakten auf dem Tisch und können beurteilt werden. Auch dann hat das Wettfahrtkomitee noch die Möglichkeit nach WR 63.1 das Zurückziehen des Protestes zu beantragen.
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Re: Hilfe nicht gewünscht...

Beitragvon Helmut » Mi 9. Okt 2019, 10:17

Ok, hier geht es erst mal um die korrekte Anwendung der Regeln. Jedoch solle auch überlegt werden wie der WL hier schon im Vorfeld sinnvoll handeln kann um solche unguten Situationen erst gar nicht aufkommen zu lassen. (Das segelnde Kind kann ja eigentlich nix dafür, muss es jetzt aber ausbaden).
Das Trainerboot greift ein und hält den Bug des Bootes fest.
Hm, was sind das für Trainer", die von Regel 41, und den Konsequenzen bei unerlaubter Hilfeleistung keine Ahnung haben? Da man als WL auch mit solchen "Betreuern" rechnen muß, ist es wohl besser, allen Fremdbooten auf die man Einfluss nehmen kann, vor allem aber denen mit "unterstützenden Personen" den Zutritt zum Regattagebiet nur im äußersten Notfall zu gewähren und sich im Normalfall nur auf die eigenen Sicherungsboote zu verlassen. (Es ist sicherlich sehr sinnvoll, (wie hier offenbar geschehen - Zahlenwimpel 8-) wenn es sich der WL selbst vorbehält, das Einfahren in das Regattagebiet zu erlauben, oder nicht.
Frage an Uli: In 24.1 und 24.2 der Mustersegelanweisung des DSV ist ein Anhang "Vorschriften für unterstützende Personen" erwähnt. Existiert dieser Anhang irgendwo? Und wenn ja, wo kann man ihn einsehen?
Vielleicht wäre es sinnvoll in einem solchen Anhang Regeln aufzustellen, was eine unterstützende Person darf und nicht darf. Wenn es solche Regeln gäbe, könnte evtl. nach Regel 64.4. auch direkt gegen die unterstützende Person vorgegangen werden.
Helmut
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Re: Hilfe nicht gewünscht...

Beitragvon uli_finckh » Mi 9. Okt 2019, 11:36

Hallo Helmut,
Solche "Vorschriften" für Begleitboote und für unterstützende Personen findet man z.B. auf der Eventseite der IDJM 29er des Diessener Segelclubs unter Bekanntmachungen. https://www.manage2sail.com/de-DE/event/d596a275-09c7-431a-92cb-8dad030e1d6d#!/onb?tab=documents&classId=7899e328-7540-43ae-9461-38429e08010d
Ich sehe allerdings die derzeit forcierte Praxis, alles durch seitenlange Regelungen zu steuern und damit den Wettfahrtkomitees die Aufsicht zuzuschieben anstatt die Eigenverantwortung in den Fordergrund zu rücken, als nicht sehr zielführend an. Letztendlich führt es zu einem Gegeneinander zwischen Mitgliedern des Wettfahrtkomitee oder Protestkomitees auf der einen Seite und Trainern und Betreuern auf der anderen Seite und nicht zu einem kollegialen für alle nützlicheren Miteinander.
Ich bin auch froh, wenn mit den Booten vertraute Trainer im Standby bei Gekenterten sind und nicht irgendwelche durch das Wettfahrtkomitee mit ungeeigneten Booten bestellte Personen, bei denen im Regelfall bei der Hilfeleistung mehr kaputt geht.
Im anderen sollte man nicht immer nur die jugendlichen Segler wie wenig bedarfte Kinder betrachten. Unsere jugendlichen Segler sind, wenn sie wie im vorliegenden Fall bei einer Deutschen Meisterschaft teilnehmen, gut ausgebildete vollwertige Segler und wenn dann statt der 24 Punkte für den Zielplatz nach der Hilfe von außen 28 Punkte für das DNF stehen, dann ist das kein Beinbruch und darauf zurückzuführen, dass sich die Segler nicht aktiv gegen die Hilfe von außen gewehrt haben.
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