Abgelehnter Protest

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Abgelehnter Protest

Beitragvon agum5560 » So 20. Jan 2019, 20:57

Hallo,
Folgende Situation hat sich letztes Jahr in der Karibik abgespielt. Es wurde mit 50 Fuss Yachten bei ca. 3-4 Windstärke gesegelt. Boot A rundet die Boje korrekt als Erster, Boot B segelt in ihren Abwinden und streift beim runden der Luvboje diese. Unverzüglich ruft A das Boot B an und macht dieses auf den Fehler aufmerksam. Da andere Boote auf den Weg zur Luvboje sind musste dem einen oder anderem ausgewichen werden. Boot B macht keine Anstalten sich zu entlasten und Boot A setzt die Protestflagge. Dauer ca. 45 bis 90 Sekunden nach dem Ereignis. Ein anderes Boot informiert die Wettfahrtleitung via Funk, dass Boot B die Tonne gestreift hätte. Ein Fotograf hat Fotos gemacht.
Die Jury lehnt den Protest mit der Begründung ab, dass es zulange gedauert hätte, bis die Protestflagge gesetzt gewesen wäre.
Ich meine, es ist eine Frage der Sicherheit (zuerst klarsegeln) und auch dem Gegner die Möglichkeit geben sich zu entlasten. Auch sind es keine Jollen, wo schnell mal gefiert wird, sonern etas längere Manöver.
Hat die Jury richtig entschieden oder war sie einfach nur zu faul?

Merci für eine Antwort

agum
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Re: Abgelehnter Protest

Beitragvon agum5560 » So 20. Jan 2019, 21:34

Sorry. Da ist noch was. Der Protest wurde nach der Zieldurchfahrt der Regattaleitung mitgeteilt, ebenso nochmals dem Gegner. Die Zeiten wurden eingehalten.
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Re: Abgelehnter Protest

Beitragvon uli_finckh » So 20. Jan 2019, 21:45

In WR 61.1(a) steht, dass der Ruf "Protest" und das Zeigen der Protestflagge bei der ersten zumutbaren Gelegenheit erfolgen muss (at the first reasonable opportunity for each).
Wenn das Wort "Protest" unverzüglich gerufen wurde und die Protestflagge dann rausgeholt und innerhalb 45 bis 90 s gesetzt wird, ist dies in meinen Augen innerhalb des Spielraums von WR 61.1(a).
Wenn jedoch der Gegner direkt nach dem Vorfall mit anderen Worten, wie "You have touched the mark" oder "Make a peanlty turn" angesprochen wurde und dann die Protestflagge gesetzt wurde, dann sind die Bedingungen von WR 61.1(a) nicht erfüllt, auch wenn später das Wort "Protest" noch fällt.
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Re: Abgelehnter Protest

Beitragvon agum5560 » Mo 21. Jan 2019, 10:14

Besten Dank für die Antwort. Bei einer Entfernung von ca. 40-50 Meter, Wind- und Manövergeräusche wird er den Wortlaut kaum, seinen Fehler sehr wohl verstanden haben. Segel ist Charaktersache, mir scheint, dies müsste auch weiter gegeben werden.
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Re: Abgelehnter Protest

Beitragvon uli_finckh » Mo 21. Jan 2019, 11:11

Falls das Boot außer Rufweite war, gilt Regel 61.1(a)(1): Im Falle, dass das andere Boot außer Rufweite ist, braucht das protestierende Boot nicht rufen, muss es aber bei erster zumutbarer Gelegenheit informieren.
Es ist nomal, dass Personen den Zeitpunkt "bei erster zumutbarer Gelegenheit (first reasonable opportunity)" in einer spezifischen Situation auf dem Wasser unterschiedlich auslegen. Ein Protestkomitee, das ja aus drei Personen besteht sollte sich dabei nicht auf ein Extrem dieser Auslegungen einigen, sonern ähnlich wie bei den Wertungsrichtern beim Skispringen, die Extreme der Auslegungen streichen.
Insgesamt führt es eher zu fairem Sport, und der muss immer die Zielsetzung sein, wenn man einen Protest auf Grund ordentlicher Faktenuntersuchung anhört, anstatt ihn über eine strittige Entscheidung der Protestgültigkeit (Nicht rechtzeitiges Zeigen der Protestflagge oder Zurufen des Wortes Protest) für ungültig zu erklären.
Davon völlig unabhängig ist es unsportliches Verhalten, wenn ein Boot klar ersichtlich ohne Zutun eines anderen Bootes eine Bahnmarke berührt und nicht die erforderliche Entlaszungsdrehung durchführt. Dies ist nicht nur ein Verstoß gegen Regel 31 (Bahnmarkenberührung) sondern auch gegen Regel 2 (Faires Segeln), was im Protestfall im Regelfall zu einer nicht streichbaren Disqualifikation führt.
Ein Protestierende sollte aus solch einem Vorfall aber auch lernen, dass es wichtig ist, bei den Protesterfordernissen so klar zu sein und dies in der Anhörung auch klar zu machen, dass das Protestkomitee gar nicht erst in Versuchung kommt, den Protest wegen fehlender Erfordernisse für ungültig zu erklären.
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Re: Abgelehnter Protest

Beitragvon Helmut » Di 5. Feb 2019, 18:14

Eine Frage noch als Schiedsrichter: Oft hat man ja die Situation, dass der PF behauptet, sofort nach dem Vorfall das Wort Protest gerufen zu haben aber der PG wolle nichts dergleichen gehört haben. Behauptet sogar, der PF habe das Wort Protest nicht gerufen, sondern behaupte das nur. Und Zeugen, die man befragen könnte, waren auch keine da. Was tun? Wem glauben? Gibt es einen Case?
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Re: Abgelehnter Protest

Beitragvon uli_finckh » Di 5. Feb 2019, 18:41

Es ist in gut besetzten Jurys/Protestkomitees üblicher Standard, dass wenn der Protestführer einigermaßen glaubhaft sagt, das Wort "Protest" gerufen zu haben, dass man dann davon ausgeht, dass dies auch der Fall war. Wenn der Protestführer es nicht gehört hat, ist das ja noch kein Beweis, dass es nicht gerufen wurde. Eine Forderung, dass man für den Ruf "Protest" einen Zeugen benötigt, gibt es in keiner Regel.
Wie in meiner Antwort zuvor schon gesagt, führt es zu mehr Fairness, wenn man einen Protest inhaltlich anhört, als ihn über eine strittige Entscheidung eines nicht laut genugen Protestrufes für ungültig zu erklären.
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