Berührung Pinend - WR 21

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Berührung Pinend - WR 21

Beitragvon Piri-Piri » Di 3. Okt 2017, 11:09

Folgender Beobachtungsreport wurde von der Jury mitgesprochen:
" Uhrzeit..., Start zur 10 Wf. mit U, letzte Minute läuft.....,....., am Pinend stehen sauber Spanien und Ukraine ( im Hintergrund sechs, fünf...), Boot XY kommt von klar achteraus und wird das Pinend nicht mehr schaffen und muss wohl weghalsen, Stop-Boot XY schiesst in den Wind, Missachtung 16 und 12, zwischen Pinend und Spanien, bleibt stehen ( im Hintergrund, eins-Start ), Boot XY steht ohne Fahrt voraus und treibt auf die Pinendflagge, Berührung, 31, keine Entlastung."

Fünf Minuten später übergibt der Wettfahrtleiter dem Juryobmann das Startprotokoll mit folgendem Vermerk: Boot XY hat die Startbahnmarke abgerollt, eine Entlastungsdrehung wurde nicht gesehen.

Boot XY kommt auf Platz 4 ins Ziel. Es meldet keinen Protest an am Zielschiff ( Protesterfordernis lt. SA ).

Die Jury protestiert gegen Boot XY wegen WR 31.

Boot XY behauptet nun, zum Regelverstoss gezwungen worden zu sein, durch das spanische Boot über ihr, dass sich nach Regel 11 nicht freigehalten hat, um keinen Frühstart zu machen. Boot XY gibt zu die Bahnmarke berührt zu haben, also unstrittig. Auf Nachfrage, wieso Boot XY den nicht gegen das spanische Boot protestiert hat wird vorgetragen: "Dies sei ja nicht nötig gewesen, da ich davon ausging, dass die Strafe wegen WR 31 automatisch auf das spanische Boot weitergereicht wird, weil ich zu dieser Berührung gezwungen wurde"

Die Jury disqualifiziert Boot XY in der 10. WF.

Die Jury zeigt Boot XY folgende zwei Wege auf, wie es sich hätte entlasten können:
1. eine Strafdrehung ausführen
2. form- und fristgerechter Protest gegen das Boot, das sie ihrer Meinung nach zu einer Regelverletzung gezwungen hat, um gegebenenfalls WR 21 zu nutzen

Es wurde nochmals darauf hingewiesen, dass es keinen Automatismus gibt, und ein Protest zwingend notwendig gewesen wäre durch Boot XY, selbst wenn z.B. das spanische Boot "Schuld" gewesen wäre und sich durch zwei Entlastungsdrehungen bereinigt hätte.

Nun genug des Vortrags..., ich denke die Jury hat korrekt gehandelt, Punkt. Richtig ?
Piri-Piri
 
Beiträge: 36
Registriert: Sa 27. Mai 2017, 12:25

Re: Berührung Pinend - WR 21

Beitragvon uli_finckh » Di 3. Okt 2017, 20:16

Im Grundprinzip "Sportliches Verahlten und die Regeln" steht als erster Satz:
Das Regelwerk ist für die Teilnehmer am Segelsport verbindlich und es wird erwartet, dass sie es befolgen und ihm Geltung verschaffen.
Wenn ein Boot A eine Bahnmarke berührt, also Regel 31 verletzt und der Ansicht ist, dass ein anderes Boot B es durch eine Regelverletzung gezwungen hat die Bahnmarke zu berühren, dann muss es auf Grund des obigen Grundprinzips dem Regelwerk Geltung verschaffen, indem es in diesem Moment Protest ruft und falls gfordert eine rote Flagge zeigt. Wenn das andere Boot (B) sich dann entsprechend Regel 44.1 entlastet, muss es keinen Protest einreichen. Wenn das andere Boot (B) sich nicht entlastet und Boot A keinen Protest gegen B wegen dieses Vorfalls einreicht, geht der Verstoß gegen Regel 31 zu seinen Lasten.
Im vorliegenden Fall kann sich das mit Wind von Stb am Pinend aufschießende Boot XY nicht auf Regel 21 zurückziehen, da diese hier nicht gilt. Begründung: Am Pinend muss das Luvboot einem Leeboot keinen Raum oder Bahnmarken-Raum geben, sondern das Luvboot muss sich vom Leeboot freihalten. Die entsprechende Entlastungsregel wäre deshalb Regel 64.1(a).
Da das aufschiessende Boot XY wohl kaum gezwungen wird, die Bahnmarke auf der Startlinien-Seite zu lassen und dort zu berühren, wenn die Verlängerung der Linie völlig frei ist, sind die Voraussetungen für 64.1(a) wohl kaum erfüllt.
uli_finckh
 
Beiträge: 371
Registriert: Mo 29. Aug 2011, 18:32

Re: Berührung Pinend - WR 21

Beitragvon Piri-Piri » Mi 4. Okt 2017, 18:38

Völlig korrekt, 64.1 (a) wurde von der Jury geprüft, WR 21 wurde immer wieder von Boot XY angesprochen !
Piri-Piri
 
Beiträge: 36
Registriert: Sa 27. Mai 2017, 12:25

Re: Berührung Pinend - WR 21

Beitragvon thorsten » Do 5. Okt 2017, 11:31

Hallo zusammen,

im obigen Fall mag es zwar durchaus so gewesen sein, dass XY nicht gezwungen war, eine Regel zu verletzen, insbesondere, wenn er von hinten kommend 12 oder 16.1 oder 15 verletzt hat.
Somit besteht in dem Fall gar keine Entlastungssituation.

Sollte diese allerdings bestehen, man denke sich zB XY weg und stelle sich vor, UKR in Luv hält sich nicht frei und drückt ESP in Lee auf die Marke, wäre ESP durchaus zu entlasten.
Eine Protesterfordernis, sozusagen "zur Sicherung der eigenen Rechte" gibt es nicht.

RRS 64.1(a) kennt als einziges Kriterium zur Entlastung, ob das Boot durch die Regelverletzung eines anderen Bootes zur eigenen Regelverletzung gezwungen wurde:
64.1(a) hat geschrieben:[..]However,
(a) when as a consequence of breaking a rule a boat has compelled another boat to break a rule, the other boat shall be exonerated.[..]


Sofern also für das Schiedsgericht feststeht, dass das Boot gezwungen wurde, ist es zu entlasten - auch, wenn es nicht selber protestiert hat.

Gruss
Thorsten
thorsten
 
Beiträge: 108
Registriert: Do 5. Jan 2012, 02:45
Wohnort: maintal

Re: Berührung Pinend - WR 21

Beitragvon uli_finckh » Do 5. Okt 2017, 12:10

Ok "muss protestieren" ist falsch. Aber:
Es wird nach dem Grundprinzip erwartet, dass das teilnehmend Boot die Regeln durchsetzt.
Wenn es von Seiten des Wettfahrtkomitees bereits über dessen Protest wegen Verstoßes gegen WR 31 informiert ist, sollte es deshalb selbst einen Protest gegen das Boot einreichen, das es angeblich zum Regelverstoß gezwungen hat und nicht vom Protestkomitee erwartet, in einer eventuellen Anhörung einen Protest gegen den angeblichen Regelverletzer nach WR 60.3(a)(2) zu machen. (Regel 60.3(a)(2) ist eine "kann-Regel")
uli_finckh
 
Beiträge: 371
Registriert: Mo 29. Aug 2011, 18:32

Re: Berührung Pinend - WR 21

Beitragvon thorsten » Do 5. Okt 2017, 12:54

Moin Uli,
ja, das Durchsetzen der Regeln und damit ggf auch ein Protest wird unter dem Grundprinzip erwartet und schlauer ist es vermutlich auch - aber halt eben keine Voraussetzung.

Ich hatte es zB schon, dass das (in dem Fall) nächstäussere Boot halt einfach nicht bekannt war - im übrigen auch nicht dem ebenfalls anwesenden Juryboot.
Da waren es halt einfach zu viele Boote, die durchs Gate wollten und der 2. von innen oder so hat gegen den 3. von innen protestiert.
Der wiederum hatte aber keine Ahnung, wer jetzt gerade der nächste im Päckchen nach aussen war, weil er zu dem Zeitpunkt andere Sorgen hatte.
Ein Juryboot war auch da und hatte gesehen, dass die gesamte Flotte als Treibgut durchs Gate wollte und konnte bei der Identifikation auch nicht helfen - wohl aber dabei, festzustellen, dass es für die inneren Boote keine Chance gab.. ;)
thorsten
 
Beiträge: 108
Registriert: Do 5. Jan 2012, 02:45
Wohnort: maintal


Zurück zu Fragen zu Wegerechtsituationen und Schiedsrichterfragen

cron