Intern. Jury + Schlichtung

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon Piri-Piri » Sa 26. Aug 2017, 11:35

Der Juryobmann einer intern. Jury nimmt selbst die Schlichtung vor.

Die intern. Jury kann die anschließende Verhandlung auch mit min. 3 Personen lt. N 1.4 b durchführen.

Wie verhält es sich nun, wenn eine Partei eine weitere Anhörung fordert ?

lt, Vorwort zu Anhang T wäre der Juryobmann ja wohl immer außen vor und die Jury lt. Anhang N nicht mehr komplett, richtig ?

... denn Krankheit oder ein anderer Notfall liegen ja wohl nicht vor...
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Re: Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon uli_finckh » Sa 26. Aug 2017, 23:35

Es steht in Anhang T nicht explizit, dass der Schlichter nicht Teil der Jury sein kann, wenn die Einschätzung des Schlichters über das mögliche Ergebnis der Verhandlung nicht von den Protestparteien geteilt wird und sie eine Anhörung wollen. Der Schlichter hat nicht automatisch einen Interessenkonflikt, der es ihm verbietet in der Anhörung Mitglied des Protestkomitees zu sein.
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Re: Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon Piri-Piri » So 27. Aug 2017, 13:18

Diese Aussage steht in krassem Widerspruch zu den vermittelten Kenntnissen auf der Schiedsrichterweiterbildung, denn dort wurde gezielt auf das Vorwort von Anhang T hingewiesen, dass gerade kein Mitglied der Jury die Schlichtung machen darf/soll, weil eine "zusätzliche" Person dies tun muss.
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Re: Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon uli_finckh » So 27. Aug 2017, 13:35

Natürlich ist es besser, wenn der Schlichter nicht im Protestkomitee ist, aber wo ist das in Anhang T geschrieben?
Nur aus der Aussage "Dass es einer zusätzlichen sachkundigen Person bedarf" geht doch noch nicht hervor, dass der Schlichter einen Interessenkonflikt hat.
Im Judges Manual steht unter Punkt L3 folgendes:
There are strong grounds for the arbitrator to be a member of the jury if there is a protest hearing because the arbitration decision has not been accepted, including the jury remaining properly constituted.
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Re: Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon Willii Gohl » So 27. Aug 2017, 23:53

Die Auffassungen im Judges Manual zur Frage ob der Arbitrator in der Jury (Protestkomitee), die den Fall anhört, sitzen soll oder nicht, haben sich in den vergangenen Jahren auch geändert. Der Hinweis im Vorwort zu App. T ist schon ein starker Hinweis, dass der Arbitrator eben nicht in dem "Panel" sitzen soll, denn er hat ja auch schon eine gewisse Meinung zu dem Fall und ist nicht mehr unvoreingenommen. Formal ist Uli sicher zuzustimmen, es gibt kein "Verbot". Dennoch sorge ich als Chairman von Juries immer dafür, dass ein zusätzlicher Schiedsrichter zur Verfügung steht, also mindestens sechs, statt fünf oder es gibt keine Arbitration oder der Veranstalter muss sich einen anderen Chairman suchen. (Kam bisher aber noch nicht vor.)
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Re: Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon Piri-Piri » Mo 28. Aug 2017, 08:48

Sorry..., aber die fehlerhafte Planung des Protestkomitees für die Regatta sind für mich keine "starken Gründe". Die Handlungsempfehlung kann dem Aktiven auch egal sein, denn er kann sich nur auf die Regeln berufen, in denen eindeutig steht, zusätzliche Person !
Über einer internat. Jury steht nix mehr..., sprich, sie können machen was sie wollen.
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Re: Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon uli_finckh » Mo 28. Aug 2017, 09:59

Letztendlich geht es hier um die immer wieder kehrende Diskussion, ob es ein Interessenkonflikt für einen Schiedsrichter ist, wenn er wie hier die Funktion des Schlichters (Arbitrators) einnimmt oder wenn er auf der Bahn einen Vorfall gesehen hat und das Protestkomitee auf Grund seines Berichts des Vorfalls (z.B. Berührung einer Bahnmarke) gegen das Boot einen Protest macht. Im zweiten Fall sagt der letzte Satz von WR 63.3(a), dass Schiedsrichter weiterhin mitwirken können, auch wenn sie den Vorfall gesehen haben.
Mein Vorschlag ist es, in solchem Fall, dass der Schiedsrichter an der Anhörung bezüglich Gültigkeit des Protestes, und Aufnahme der Beweismittel teilnimmt, bei der endgültigen Fixierung der Fakten und Entscheidung zusammen mit den Parteien den Raum verläßt. Dies demonstriert die Unabhängigkeit und die Besetzung des Schiedsgerichts bleibt nach WO9.4 bzw. MO 14.3 regelkonform und auch für eine Internationale Jury gilt, dass in einem solchen Fall die Zusammensetzung der Jury unter Beachtung von WR N 1.6 ordentlich besetzt bleibt.
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Re: Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon Willii Gohl » Mo 28. Aug 2017, 14:33

Lieber Uli, ich denke wir haben keinen Dissens bei der Frage, ob der Arbitrator im Panel sitzen darf; ja, er darf - es gibt keine Regel, die das untersagt. Dein Vorschlag ist sicher für Protestkomitees ein gangbarer Weg, der auch durch WO 9.4 gedeckt ist (ob es ein guter Weg ist, darüber können wir trefflich streiten).

Allerdings ist es bei Int. Juries doch wohl ein wenig anders, denn die WO sagt:"... ohne dass Ersatz verfügbar ist, oder kann er wegen eines Interessenkonfliktes nicht weiter an einer Anhörung teilnehmen,..." RRS N1.6 aber benutzt statt des "oder" ein "and" ! Es heißt: "...and no qualified replacements are available, the jury..." Da ein Veranstalter aber weiß, dass Arbitration genutzt werden soll, kann und muss er auch dafür sorgen, dass dies ordnungsgemäß geschehen kann, also im Vorfeld bereits für die erforderliche Anzahl von Schiedsrichtern sorgen.

Für mich persönlich gibt es keinen vernünftigen Grund, dass ein Arbitrator im Panel sitzt, dass den Fall entscheidet.
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Re: Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon uli_finckh » Mo 28. Aug 2017, 15:11

Dass es besser ist, ein 5er Panel und einen zusätzlichen Arbitrator zu haben, ist unstrittig. Aber auch dann, wenn der Arbitrator als Teil des 5er Panels vorgesehen war, kann man ohne die Besetzung gemäß Anhang N zu gefährden (das war ja wohl die Grundfrage von Piri-Piri), so verfahren.
Noch ein völlig anderer Aspekt, der mir bei der vollständigen Trennung zwischen Arbitrator und Protestkomitee durch den Kopf geht, ist Folgender:
Wenn der Arbitrator bei der Anhörung zur Faktenfindung mit im Raum ist, wird wohl eher die gleiche Geschichte vor der Jury ausgebreitet, wie zuvor vor dem Arbitrator und nicht die Arbitrator-Sitzung wie eine Art Beratung verwendet um dann die Geschichte etwas anders zu erzählen.
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Re: Intern. Jury + Schlichtung

Beitragvon Willii Gohl » Mo 28. Aug 2017, 16:16

Lieber Uli, Anhang N interpretieren wir da wohl etwas unterschiedlich, aber seis drum! Völlig einer Meinung sind wir aber, dass es gut ist, wenn der Arbitrator als Beobachter im Raum sitzt, um genau die von Dir beschriebene Situation zu vermeiden. Willii
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