Behinderung durch Kenterung

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Behinderung durch Kenterung

Beitragvon Stephan » Mo 4. Jul 2016, 09:45

Hallo,
hier mal eine sicherlich einfache Frage für euch Regelexperten.

Auf Vorwindkurs kentert direkt vor mir ein Schiff, dass direkt vor der Leetonne liegen bleibt. Ich hatte vor der Kenterung die Innenposition aber ohne Überlappung. Also zu diesem Zeitpunkt kein Innenraum. Wäre das Boot nicht gekentert hätte ich jederzeit hinterher bzw. noch nach Außen fahren können. Durch die Kenterung stellte sich aber blöderweise eine Überlappung her.

Leider war die Lücke zwischen gekentertem Schiff und der Tonne so klein, dass ich nicht mehr dazwischen durchfahren konnte. Auch war es mir nicht mehr möglich die Seite zu wechseln und außen herum zu fahren. Somit blieb mir nur noch die Möglichkeit die Tonne an der falschen Seite zu passieren, um Schaden am gekenterten Schiff, den übrigen Teilnehmern und mir zu vermeiden.

Während meiner Korrektur passierten min. 5 Schiffe, die ich im Verlauf der Wettfahrt nicht mehr einholen konnte.
Wie ist bei einer solchen Situation die Lage ? Hätte ein Antrag auf Wiedergutmachung eine Chance gehabt ? Wie sind die WF-Regeln im allg. bei Kenterungen anzuwenden ?

Würde mich über eine regelkonforme Einschätzung dieser Situation freuen.

Gruß

Stephan
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Re: Behinderung durch Kenterung

Beitragvon uli_finckh » Mo 4. Jul 2016, 10:05

Hallo Stephan,
das ganze muss man unter "Pech gehabt" abhaken.
Dein Verhalten war absolut regelkonform und jedes andere Verhalten, das zu Schaden geführt hätte, wäre ein Verstoß zumindestens gegen WR 14 (Berührung vermeiden) gewesen. Eine Wiedergutmachung ist trotzdem für Dich nicht möglich, obwohl Dir dabei viele Plätze verloren gingen, da WR 62.1 Wiedergutmachung nur möglich ist, wenn die Plätze durch folgende Handlungen veloren gegangen sind:
(a) Unsachgemäße Handlung oder Unterlassung der Wettfahrtleitung
(b) Verletzung oder materielle Beschädigung durch einen Regelverletzer
(c) Hilfeleistung
(d) Unsportliches Verhalten eines Teilnehmers oder Bootes, das zu einer Bestrafung nach WR 2 oder 69 geführt hat.
Da keine dieser vier Punkte erfüllt ist, ist Wiedergutmachung nicht möglich.
uli_finckh
 
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Re: Behinderung durch Kenterung

Beitragvon Stephan » Mo 4. Jul 2016, 10:35

Hallo Uli,

vielen Dank für deine schnelle Antwort.

Das ich da Pech hatte, dachte ich mir schon und hatte auch keinen Antrag gestellt.

Wie ist die Regelung generell bei gekenterten Schiffen in der WR ? Stellen sie ein Hindernis dar und die entsprechenden Regeln kommen hier zur Anwendung ? Hab in der WR auf die schnelle nichts gefunden.

Bisher hatte ich auch Glück und konnte gekenterten Schiffen immer Ausweichen ohne eine Wegerechtssituation mit anderen Teilnehmern auflösen zu müssen.

Gruß

Stephan
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Re: Behinderung durch Kenterung

Beitragvon uli_finckh » Mo 4. Jul 2016, 10:46

Kentern ist in WR 23 geregelt.
Ein Boot muss einem gekenterten Boot ausweichen, wenn es dazu in der Lage ist. Es muss auch ausweichen, wenn das Boot nach einer Kenterung noch nicht unter Kontrolle ist. Ein Boot ist aber erst gekentert, wenn sein Masttop im Wasser ist. Das heißt die Kenterung selbst kann, wenn das kenternde Boot dabei ein Wegerechtboot zu einer Kursänderung zwingt, oder durch eine Kursänderung keinen Raum zum Freihalten gibt, zu einem Regelverstoß des kenternden Bootes führen.
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Re: Behinderung durch Kenterung

Beitragvon Stephan » Mo 4. Jul 2016, 10:55

Hallo Uli,

vielen Dank. Ich hoffe natürlich für meine Regattakollegen, dass sie nicht kentern, aber sollte das mal wieder der Fall sein, weiß ich jetzt besser wie ich darauf reagieren kann/muss.

Ich finde, vorrangig sollte in solchen Situationen immer sein =>Schaden vermeiden und Hilfe leisten.

Gruß

Stephan
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