Ausgebremst

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Ausgebremst

Beitragvon Silberbeil » Mo 21. Mär 2016, 19:14

Ich möchte hier verweisen auf den von Segelreporter geschilderten Fall bei der Finn EM, wo sich die beiden US-Segler im Rahmen ihrer Olympiaausscheidung ein kurioses Duell lieferten.

http://segelreporter.com/regatta/finn-d ... -bandagen/

Der Bremser US 4 wurde schließlich u. a. wegen Verletzung von Regel 18.4 disqualifiziert. Nicht aber wegen unfairem Verhalten.

Nach meiner Einschätzung verstößt er aber doch so deutlich gegen die Regel 18.4, dass ich letzteres nicht nachvollziehen kann, zumal er sich durch dieses lang anhaltende Bremsmanöver trotz Disqualifikation zunächst einen Vorteil in der Qualifikation verschafft hat.

Nach meinem Verständnis von Regel 18.4 hätte sich US 4 doch gar nicht weit von der Tonne entfernen und damit diese Blockade gar nicht ausführen dürfen.

In dem Artikel wird Bezug genommen darauf, dass es sich um ein Teamrace-Manöver "Mark-Trap" gehandelt habe. Nun gilt Regel 18.4 im Teamrace nicht. Da mag so ein Manöver ja möglich sein. Aber in einem Fleetrace verstehe ich das nicht.
Silberbeil
 

Re: Ausgebremst

Beitragvon uli_finckh » Mo 21. Mär 2016, 19:39

Im Segelreporter-Bericht ist von einem Gate die Rede.
Bei einem Gate gilt aber Regel 18.4 nicht. Es muss sich also wohl um eine einseitig zu rundende Bahnmarke handeln.

Für die Frage die Silberbeil stellt ist World-Sailing Case 78 und dabei Frage bzw. Antwort 3 ausschlaggebend.
Case 78 lautet
Regel 2 Faires Segeln
Regel 41 Hilfe von außen
Regel 69.1(a) Behauptung groben Fehlverhaltens: Verpflichtung kein grobes Fehlverhalten zu begehen
In einer Flotten-Wettfahrt für Einheitsklassen-Boote oder für Boote, die nach einer Handicap-Formel segeln darf ein Boot Taktiken verwenden, die eindeutig ein anderes Boot in der Wettfahrt stören und das Vorankommen des Bootes in der Wettfahrt behindern, vorausgesetzt dass das Schiedsgericht bei einem aus diesem Grund eingereichten Protest nach Regel 2 feststellt, dass darin eine reelle Chance bestand durch diese Taktik ihr Ergebnis in der Gesamtwertung der Veranstaltung oder ihre Chance für die Qualifikation für eine andere Veranstaltung oder für ihr nationales Team zu verbessern. Wenn es dabei aber absichtlich gegen eine andere Regel verstößt um die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg dieser Taktik zu erhöhen, verstößt es gegen Regel 2 und möglicherweise gegen Regel 69.1(a).
Angenommene Tatsachen für Fragen 1
In einer Flotten-Wettfahrt einer Einheitsklasse benutzt Boot A eindeutig eine Taktik, die Boot B stört und deren Vorankommen in der Wettfahrt behindert. Während sie diese Taktik anwendet, verstößt A gegen keine Regel mit Ausnahme von möglicherweise Regel 2 oder 69.1(a). B protestiert gegen A wegen Verstoßes gegen Regel 2.
Frage 1
Unter welchen der folgenden Umstände würde man eine solche Taktik als unsportlich ansehen und als Verstoß gegen Regel 2 oder Regel 69.1(a)?
(a) Das Schiedsgericht stellt fest, dass eine vernünftige Chance bestand, dass A´s Taktik deren Gesamtergebnis in der Veranstaltung verbessert.
(b) Das Schiedsgericht stellt fest, dass eine vernünftige Chance bestand, dass A´s Taktik die Ausicht für die Qualifikation für ein andere Veranstaltung erhöht
(c) Das Schiedsgericht stellt fest, dass eine vernünftige Chance bestand, dass A´s Taktik die Ausicht für die Qualifikation in ihr nationales Team erhöht.
(d) Das Schiedsgericht stellt fest, dass A und ein drittes Boot C eine Übereinkunft getroffen haben, dass beide eine Taktik anwenden, die C begünstigt und dass eine vernünftige Chance bestand, dass A´s Taktik C´s Gesamtergebnis in der Veranstaltung verbessert.
(e) Das Schiedsgericht stellt fest, dass A versucht die Wertung von B in der Wettfahrt oder Wettfahrtserie aus anderen Gründen verschlechtern will, die nicht mit dem Sport zu tun haben.
Antwort 1
Unter den Umständen (a), (b) und (c) wäre A in Übereinstimmung mit den Prinzipien sportlichen und fairen Verhaltens, da es sportliche Gründe für ihr Handeln gab.
Unter den Umständen (d) verstoßen beide, A und C, gegen Regel 2 und möglicherweise gegen Regel 69.1(a). Zusätzlich verstößt C gegen Regel 41, da es durch A unerlaubte Hilfe erhält.
Unter den Umständen (e) verstößt A gegen Regel 2 und möglicherweise Regel 69.1(a), da nicht mit dem Sport in Zusammenhang stehende Gründe eindeutig die Prinzipien von sportlichem und fairem Verhalten verletzen.
Frage 2
Wäre die Antwort auf Frage 1 anders, wenn die Boote unter einem Handicap-System segeln und A schneller oder besser manövrierfähig wie B ist?
Antwort 2
Nein.
Frage 3
Wäre Antwort 1 anders, wenn bei der Verwendung der Taktik, B zu stören und deren Vorankommen zu behindern, A absichtlich eine Regel verletzt hat?
Antwort 3
Ja. Immer wenn ein Boot absichtlich gegen eine Regel verstößt, verstößt es auch gegen Regel 2 und möglicherweise gegen Regel 69.1(a).
USSA 1991/282 ausführlich überarbeitet durch die ISAF 2009 und 2013
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Re: Ausgebremst

Beitragvon Silberbeil » Mo 21. Mär 2016, 21:50

Vielen Dank für die rasche und ausführliche Rückmeldung zum Thema faires Segeln.

Was ich noch nicht ganz verstehe, ist die Wirkung von Regel 18.4 im vorliegenden Fall. US 4 darf doch demnach bis zur Halse nicht weiter an der Bahnmarke vorbeisegeln als es für das Segeln des Kurses notwendig ist. Damit hätte er US 6 doch gar nicht von der Bahnmarke wegtreiben dürfen. Ich verstehe daher nicht, weshalb bei Einhaltung der Regeln eine vernünftige Chance für diese Taktik des Ausbremsens bestand?
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Re: Ausgebremst

Beitragvon uli_finckh » Mo 21. Mär 2016, 22:37

Hallo Silberbeil,
In den Segelanweisungen zur EM-Finn ist nach dem zweiten Vorwind kein Gate, sondern nur eine Bahnmarke an Backbord zu lassen. Nun kommt USA 4 mit Innenposition und Wegerecht als Leeboot. Es gelten dann WR 11, WR 18.2(b) und 18.4. Nach 18.4 müsste es bei der Bahnmarke halsen und hätte dann Wind von Backbord und kein Wegerecht mehr gegenüber dem gleichzeitig halsenden äußeren Boot, das dann als Leeboot Wegerecht hat. In dem Video sind dort einige Schnitte und auch Perspektivenwechsel, so dass zum Gesamtverständnis entscheidende Zwischensituationen fehlen. Diese Halse hat das innenliegende Boot nicht gemacht, deshalb der Verstoß gegen 18.4.
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