Hand am Fockbaum

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Hand am Fockbaum

Beitragvon Urnima » Mo 21. Sep 2015, 14:52

Eine Frage zur fragwürdigen Auslegung von Regeln bei Wasserschiedsrichtern

In der Klassenvorschrift steht:
Teleskop-Ausbaumer, sowie Toppnant sind verboten.

In der Wettfahrt gibt es einen Pfiff, weil der Vorschoter in Vorbereitung einer Kursänderung die Hand am Ausbaumer gelegt hat.

In der späteren Diskussion zu dem Fall wird dies als eine Möglichkeit gewertet, die Hand als Topnannt zu benutzen.

M.E. eine weit hergeholte Auslegung und Interpretation der Klassenvorschrift und dem mit der Klassenvorschrift gewollten Beschlagsausführung wohl eher nicht vereinbar?
Urnima
 

Re: Hand am Fockbaum

Beitragvon thorsten » Mo 21. Sep 2015, 17:48

Moin,

meint Wassersciedsrichter hier echtes Wasserschiedsrichtern mit Addendum Q, bei dem Proteste (wie beim Match Race) direkt auf dem Wasser entschieden werden, oder meinst Du Schiedsrichter, die zur Überwachung von Regel 42 (unerlaubter Vortrieb), gelbe Flaggen nach Anhang P, auf dem Wasser waren?

Im ersteren Fall müssten wir zur Sicherheit noch die Segelanweisungen kennen...

Klingt jedenfalls erstmal 'ungewöhnlich'..
thorsten
 
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Re: Hand am Fockbaum

Beitragvon Urnima » Mi 23. Sep 2015, 08:08

Es geht mir nicht um eine mögliche Ahndung, sondern um die Regelauslegung.
zu einer Protestverhandlung ist es nicht gekommen, da wir keine echten Wasserschiedsrichter hatten sondern eine Jury, die im Protestfall als Zeugen zur Verfügung gestanden hätten.
Ich habe auch nicht gewusst welche Regel ich verletzt haben sollte, daher habe ich nachher den Schiedsrichter befragt, der diese Meinung zur Regelauslegung hatte.
Urnima
 

Re: Hand am Fockbaum

Beitragvon thorsten » Mi 23. Sep 2015, 10:16

Moin,

sollten die Klassenregeln tatsächlich nur einen Toppnant als Beschlag verbieten, spricht aus meiner Sicht zunächst mal nichts gegen eine Hand am Fockbaum.
Es kann natürlich sein, dass die Klassenregeln oder die Segelanweisungen explizit noch Handlungen ausschliessen, das weiss ich nicht.
Um welche Klasse geht es denn?

Dass es Dir nicht um eine Ahndung ging, hatte ich schon verstanden - mir war nur nicht klar, was Du mit einem "Pfiff in der Wettfahrt" genau meintest, weil das vor allem ja auch vom Format der Regatta abhängt.
So, wie ich das jetzt verstehe, hattet ihr Schiris auf dem Wasser, die ein Signal geben konnten, wenn sie etwas gesehen hatten und damit zu verstehen gaben, dass sie als Zeuge aussagen können, sofern jemand protestiert (Whistle-System)?

Gruss
Thorsten
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Re: Hand am Fockbaum

Beitragvon Willii » Mi 23. Sep 2015, 10:22

Hallo,
ein Toppnant gehört eindeutig zum laufenden Gut oder wie es in den ERS heißt, "running rigging".
Ein Blick nun in diese Equipment Rules of Sailing hätte jenen übereifrigen Schiedsrichter gelehrt, dass "rigging" dort definiert ist und unter
F.1.6 Rigging finden wir:
Any equipment attached at one or both ends to spars, sails or other
rigging and capable of working in tension only. Includes associated fittings which are not permanently fixed to a hull, spar or spreader.
Eine Hand kann nun sicher kein "Equipment" = Ausrüstung sein. Selbst wenn sie die Funktion eines Aurüstungsgegenstandes übernimmt, ist sie kein Toppnant.
Der Herr Kollege Schiedsrichter hätte lieber lesen als pfeifen sollen, zumal ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, dass es Segelanweisungen gibt, die das Pfeifen bei Verstoß gegen Ausrüstungsregeln in der Klassenvorschrift erlaubt.
Willii Gohl
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Re: Hand am Fockbaum

Beitragvon uli_finckh » Mi 23. Sep 2015, 12:38

Beim Auslegerbaum ist nur Regel 50.2 zu beachten, dass er außer beim Schiften und Halsen immer am Mast angeschlagen sein muss.
uli_finckh
 
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Re: Hand am Fockbaum

Beitragvon Afterguard » Do 24. Sep 2015, 10:27

Hallo Willii,

obwohl ich absolut der gleichen Meinung bin wie Du, dass der Pfiff des Schiedsrichters Mumpitz ist und seine Interpretation von Toppnant abenteuerlich ist, kann die Definition in den ERS doch nur gelten, wenn diese überhaupt zur Anwendung kommen. Wenn weder Ausschreibung noch Segelanweisung oder die Klassenregel selber Bezug auf die ERS nimmt gilt diese streng genommen doch auch gar nicht, oder?

Ich vermute sehr, dass es hier um die IDM der Conger ging. Weder in der NoR noch in den SI noch in den Klassenregeln (die wörtlich die Formulierung zu Toppnant und Ausbaumer enthalten) wird die ERS in Kraft gesetzt. Die Klassenregel definiert Toppnant allerdings gar nicht und wie gesagt ich bin gelichfalls der Meinung, dass ein Segler oder ein Körperteil eines Seglers niemals Ausrüstung sein kann.
Keines der genannten Dokumente setzt aber Anhang P, Addendum Q oder irgendein "whistle-system" in Kraft. damit ist nicht nur die Interpretation des Schiedsrichters abenteuerlich sondern, natürlich auch sein Gepfeife auf dem Wasser.
Afterguard
 

Re: Hand am Fockbaum

Beitragvon Willii » Do 24. Sep 2015, 12:15

Guten Tag,
es ist richtig, dass die ERS nur dann gelten, wenn sie durch eine der genannten Vorschriften in Kraft gesetzt wurden. Ich hatte vorausgesetzt, dass die Klasse natürlich eine Klassenvorschrift hat, die den ISAF-Kriterien entspricht. Wenn es sich nun um eine so ehrenwerte und tradionelle Klasse wie die Conger handelt, dann wird dies wohl eher nicht zutreffen. Da Toppnant nicht definiert ist, bleibt also gemäß RRS "Introduction-Terminology" letzter Satz, nur der übliche nautische oder allgemeine Sinn eines Begriffes, womit wir wieder dort wären, dass eine Hand kein laufendes Gut ist.
Willii Gohl
Willii
 

Re: Hand am Fockbaum

Beitragvon Urnima » Mi 7. Okt 2015, 10:41

Herzliche Dank für diese Ausführungen, leider war ich nun eine Woche Segeln und konnte mich in der Zwischenzeit nicht ergänzend äußern.
Es ist richtig, es handelt sich um die ehrwürdige Klasse der Conger :)
Es ging in der Tat um die Wasserschiedsrichter der letzten DM, die als Zeugen zur Verfügung stehen und es war ein mir unverständlicher Pfiff.
Der Baum war selbstverständlich angeschlagen, die Problematik mit Regel 50.2 hatten wir vor 3 Jahren schon mal.
Die Nachfrage von mir wurde später noch einmal konkretisiert, das Schiedsgericht hatte sich zuvor über genau diese Regel ( 50.2 in Verbindung mit dem Verbot des Topnannten) im Vorfeld verständigt.
Meine Rechtsauffassung wurde hier breit und deutlich vertreten.
Ich danke
Urnima
 


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