Luvtonne

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Luvtonne

Beitragvon alf1955 » Fr 31. Jul 2015, 11:20

Hallo
anlässlich des X99 Weltcup 2015 ereignete sich folgende Kollision. Es herrschte ca. 12-15 kn Wind. Ca. 5 Bootslängen vor der Luvtonne legte Boot 1 von Steuerbord auf Backbord auf den Anlieger um. Ein auf BB-Bug (Wind von Steuerbord) segelndes Boot fuhr ca. 2 Bootslängen vor der Luv-Boje ins Heck des vorderen Bootes. Der Steuermann des hinteren Bootes sagte aus, dass er wegen eines Leebootes, welches achtern in Lee überlappt haben soll, nicht anluven konnte, da sein Heck ansonsten das Leeboot berührt hätte. Das vordere Boot hatte das hinteren Boot nach der Wende (Distanz nach der Wende ca. 1 Bootslänge) durch Zuruf gewarnt.
Ein bekannter internationaler Schiedsrichter sagte dann, dass sich das vordere Boot mit dem Manöver in diese Situation gebracht hätte und die Distanz für das Manöver (Wende) bei diesem Wind zu kurz gewesen sei. Ist das richtig?
Gruss Alf
alf1955
 

Re: Luvtonne

Beitragvon uli_finckh » Fr 31. Jul 2015, 12:02

Der Zuruf ist nützlich, aber bezüglich der Regelanwendung unerheblich. Es gelten hier zunächst die Regel 13(Während des Wendens), die vom wendenden Boot verlangen, dass es sich freihalten muss bis es auf Amwind ist. Danach unterliegt das Boot, das gewendet hat aber noch Regel 15(Wegerecht erlangen). Es muss also auch noch Anfangs dem anderen Boot Raum zum Freihalten geben. Wenn es also so wendet, dass das von achtern kommende Boot wegen anderer Boote oder der Wind- und Wellensituation nicht die Möglichkeit hat, sich durch Luven oder Abfallen freizuhalten, wurde diese Regel 15 verletzt. In einer solchen Situation ist die richtige Entscheidung des wendenden Bootes, die Wende oberhalb der ankommenden Wind-von-Steuerbord-Boote zu machen, so dass diese ihren Kurs nicht ändern müssen. Den aktuellen Fall kann man nicht beurteilen, ohne ihn gesehen zu haben und ohne nachfragen zu können.
uli_finckh
 
Beiträge: 385
Registriert: Mo 29. Aug 2011, 18:32

Re: Luvtonne

Beitragvon Helmut » Sa 1. Aug 2015, 21:18

Dumme Frage: Kann man sich denn nur durch Anluven/Abfallen freihalten und nicht auch durch Verlangsamen? Und spielt denn Regel 14 überhaupt keine Rolle? (Bei anfangs 2 Bootslängen Abstand und bei 4 Bft hat das auflaufende Boot doch wohl genug Raum um das Auflaufen zu vermeiden, wenn es "unverzüglich und in guter Semannschaft manövriert"). Möglicherweise hätte sogar das dritte Boot dem "Auflaufer" Raum zum Anluven gem. Regel 15 geben müssen. Da wissen wir aber die Vorgeschichte nicht.
Helmut
Helmut
 
Beiträge: 124
Registriert: Mo 2. Jan 2012, 12:47

Re: Luvtonne

Beitragvon uli_finckh » Sa 1. Aug 2015, 22:34

Hallo Helmut,
Eine X99 kann man mit Segelaufmachen nicht so einfach abbremsen und 1 Bootslänge ist nicht sehr viel.
uli_finckh
 
Beiträge: 385
Registriert: Mo 29. Aug 2011, 18:32

Re: Luvtonne

Beitragvon Alf » Mo 3. Aug 2015, 10:53

Interessante Antworten. Ich für meinen Teil meine, dass das auflaufende Boot sich durch anluven hätte freihalten können und müssen. Da das gewendete Boot ja auch schon Fahrt hat und weitere Boote im Lee waren, wäre dies der einzige (und logische) Weg gewesen.
Aber meine Frage hierzu ist eigentlich, wie viel Platz muss ich einem Boot mit Wegerecht einräumen, wenn ich vor ihm wende? Genügt es, wenn die Wende vollzogen ist? Ich kann mich an Wettkämpfe (H-Boot WM Marstrand) erinnern, da hatte kein Schwamm dazwischen Platz. In einer Protestverhandlung wurde entschieden, dass die Wende vollzogen sein musste. Gibt es Unterscheide bei Yachten oder Jollen?
Gruss Alf
Alf
 

Re: Luvtonne

Beitragvon thorsten » Mo 3. Aug 2015, 13:38

Grundsätzlich erlangt das wendende Boot ja erst in dem Moment Wegerecht, wenn es seine Wende klar voraus oder in Lee des anderen Bootes vollendet hat, also auf einem Amwind-Kurs angekommen ist.
Von dem Moment an muss das jetzt freihaltepflichtige Boot genug Raum zum Freihalten haben - das heisst, das jetzt freihaltepflichtige Boot muss sich durch seemannschaftliches Manövrieren freihalten können, wenn es prompt reagiert.
Dafür gibt es aber keine universelle Antwort wie "3 Meter" oder so etwas, sondern das hängt vom Bootstyp, den äusseren Bedingungen (Wind und Wellen), dem Kurs zueinander, anderen Boote, Hindernissen, der Geschwindigkeit der Boote und allem anderen, was für die Situation relevant ist, ab und muss damit für jede Situation individuell betrachtet werden.
thorsten
 
Beiträge: 116
Registriert: Do 5. Jan 2012, 02:45
Wohnort: maintal


Zurück zu Fragen zu Wegerechtsituationen und Schiedsrichterfragen

cron