Frage zu 44.1(b)

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Frage zu 44.1(b)

Beitragvon 0815 » Fr 26. Jun 2015, 09:44

Beispiel zur Verfahrensweise bei WR 44.1(b)

Es kommt zur Kollision zwischen zwei Booten. Beide kentern. Beide Boote segeln danach mit Wind von verschiedenen Seite auf der Kreuz auseinander. Das Boot, dass sich nicht freigehalten hat, führt eine Zweidrehungsstrafe korrekt aus.
Nun geht das "Wegerechtsboot" langsam auf Tiefe, es wird klar, dass ein erheblicher Schaden entstanden ist ( es konnte auch an den folgenden WF nicht mehr teilnehmen).
Es folgt ein Protest + Antrag auf Wiedergutmachung.
In der Verhandlung erfährt der Schadensverursacher erstmals von den Folgen der Kollision. Der Sachverhalt ist absolut unstrittig. Wiedergutmachung wird gewährt.
Jedoch weigert sich der Protestgegner beharrlich die Wettfahrt aufzugeben.

Schnell wird dann immer der Ruf nach DNE wegen unsportlichem Verhalten laut, zu Recht ?
Das nicht befolgen einer Regel ist doch erstmal ein DSQ, oder nicht ?
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Re: Frage zu 44.1(b)

Beitragvon Willii Gohl » Fr 26. Jun 2015, 10:15

Der braucht doch im geschilderten Fall die Wettfahrt gar nicht aufzugeben.
Auf dem Wasser hat er subjektiv die richtige Strafe angenommen. Nun kommt es zur Verhandlung.
Wenn das Schiedsgericht Wiedergutmachung gewährt, dann hat es in dieser Verhandlung doch auch festgestellt, dass die durchgeführte Drehungsstrafe nicht den Erfordernissen von WR 44.1(b) entspricht (was der Wegerechtsverletzer auf dem wasser noch nicht wusste), sich das Boot mithin nicht korrekt entlastet hat und somit wegen eines Verstoßes gegen eine Wegerechtsregel zu bestrafen ist, da WR 64.1(b) 1. Satz nicht zum Tragen kommt.
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Re: Frage zu 44.1(b)

Beitragvon 0815 » Mo 29. Jun 2015, 11:04

Heisst in Ergebnis des festgestellten Sachverhalts:
1. Der Protestgegner wusste nichts von dem verursachten Schaden zum Zeitpunkt des Vorfalls und führte deshalb zu seiner Entlastung korrekt eine Zweidrehungsstrafe zu seiner Entlastung aus.
2. Der Protestgenner muss die Wettfahrt nicht nachträglich aufgeben.
3. Der PG wird nicht DSQ gewertet.
4. Der PF erhält eine Wiedergutmachung wegen eindeutigem Schaden.

Abweichender Sachverhalt - der PG wusste bereits zum Zeitpunkt des Vorfalls vom Schaden

1. Der PG entlastete sich nicht korrekt.
2. Dem PF wird wird Wiedergutmachung gewährt wegen dauerhaften Schaden.
3. Der Protestgener gibt auch während der Protestverhandlung , nach nochmaligem Hinweis auf die Regel, die Wettfahrt nicht auf.
4. Wertung DSQ für den PG.

Erste Frage - so richtig zusammengefasst lt. Willis Antwort ?
Zweite Frage - Kann die Weigerung im abgewandelten Sachverhalt zu einem DNE führen ?
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Re: Frage zu 44.1(b)

Beitragvon uli_finckh » Mo 29. Jun 2015, 11:25

Richtig ist nach dem Sachverhalt folgende Entscheidung:
der Potestgegner wird DSQ gewertet, da es die in Regel 44.1(b) vorgesehene Strafe bei Verursachung eines ernsthaften Schadens nicht angenommen hat.
Einen Regel 2 Verstoß sehe ich noch nicht darin, dass man RET nicht freiwillig annimmt.
Die Frage der Wiedergutmachung knüpft sich aber auch daran, ob der Protestführer nicht Regel 14 verletzt hat!
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Re: Frage zu 44.1(b)

Beitragvon 0815 » Mo 29. Jun 2015, 15:14

Nun bin ich wieder vollends verwirrt....

Uli sagt, ja, er musste aufgeben. Willi sagt, nein, er musste nicht aufgeben.

Klare Frage: Wirkt der erfüllte Sachverhalt (Schaden, Verletzung usw.) auch rückwirkend auf WR 44.1 (b) (auch wenn man es nicht wusste)?

Sind die Worte "zum Zeitpunkt des Vorfalls" unbeachtlich ?

Das mit Regel 2 sehe ich genau so !
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Re: Frage zu 44.1(b)

Beitragvon uli_finckh » Mo 29. Jun 2015, 15:26

Willii und ich widersprechen uns nicht.
Auf dem Wasser muss er nicht aufgeben (weil er sich des Sachverhalts nicht bewusst ist). Sowie er den Sachverhalt des ernsthaften Schadens kennt, reicht die Zwei-Drehungen-Strafe nicht mehr. Dann wird er, wie Willii und ich gleichlautend sagen, mit DSQ bestraft. Das Schiedsgericht ist doch nicht dazu da, einen zu nötigen, von sich aus aufzugeben, wenn es disqualifizieren kann.
Die Floskel "Zum Zeitpunkt des Vorfalls" in der Überschrift der Regel ist völlig irrelevant, da Überschriften keine Regeln sind (siehe Definition "Regel" (a), letzter Satz).
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Re: Frage zu 44.1(b)

Beitragvon Willii Gohl » Mo 29. Jun 2015, 22:46

Dem, was Uli gesagt hat, ist inhaltlich nichts hinzuzufügen.
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