Zieldurchgang und Drehungsstrafe

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Zieldurchgang und Drehungsstrafe

Beitragvon 306.2 » Di 18. Mär 2014, 19:42

Boot A verstößt an der Ziellinie gegen eine Regel von Teil 2 und überquert die Ziellinie.

Nach der Definition „Zieldurchgang“ ist A nicht durchs Ziel gegangen (und damit weiter in der Wettfahrt), wenn es „nach dem Zieldurchgang“ eine Strafe nach Regel 44.2 ausführt.

Daß A eine Strafe ausführen wird, weiß aber nur A und sonst keiner. Vermuten kann es vielleicht ein Boot B, das in den Vorgang an der Ziellinie verwickelt war oder ihn beobachtet hat. Eine Pflicht zur Vermutung sehen die Regeln aber nicht vor. Auf der Ebene der Fakten wird sich erst später herausstellen, daß A noch nicht durchs Ziel gegangen und weiter in der Wettfahrt war. Die Definition entwickelt hier also eine zeitliche Rückwirkung.

Während sich A freisegelt, befindet es sich also noch in der Wettfahrt. Regel 24.1 verpflichtet ein Boot C, das den Vorfall nicht beobachtet hat, A nicht zu behindern.(falls vernünftigerweise möglich), weil C sich nicht mehr in der Wettfahrt befindet.

Wenn C jetzt gegen 24.1 verstößt, weil es nicht wissen kann, daß sich später herausstellen wird, daß A noch in der Wettfahrt war, kann es weder unter 21 noch unter 64.1(a) entlastet werden, da C weder innerhalb ihm zustehenden Raumes gesegelt ist noch gezwungen war, die Regel zu verletzen.

Frage : Überlegung richtig ?

Wenn A anschließend seine Drehungen ausführt, muß es sich nach 22.2 vom Boot C freihalten, das „dies nicht tut“.

Frage : Wirklich ?
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Re: Zieldurchgang und Drehungsstrafe

Beitragvon uli_finckh » Di 18. Mär 2014, 20:06

Die Schlussfolgerungen sind korrekt dargestellt.
Ein Schiedsgericht wird aber in einem solchen Fall sicher auch bedenken, ob das Boot C hier eine reelle Chance hatte, die Situation zu erkennen, z.B. durch Zuruf des Bootes, das noch eine Strafe auszuführen hat.
Aus dem Vorfall kann man aller dings gut lernen, dass es für ein Boot besser ist, nach dem Zieldurchgang den Bereich der Ziellinie zu verlassen.
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Re: Zieldurchgang und Drehungsstrafe

Beitragvon 306.2 » Di 18. Mär 2014, 20:19

Sicher sollte man hier nach einer Entlastungsmöglichkeit suchen. Nur : Welche Konsequenz hätte das denn, wenn das SG feststellt, daß C keine reelle Chance hatte ?

C hat gegen eine Regel verstoßen und muß disqualifiziert werden, wenn es "nicht entlastet ist" (s. erster Satz von 64.1). Kann das SG eine solche "weiche" Entlastung fingieren ? Oder auf welche Regel würde sich ein SG beziehen, wenn es C nicht disqualifiziert ?
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Re: Zieldurchgang und Drehungsstrafe

Beitragvon uli_finckh » Di 18. Mär 2014, 20:38

Das Boot, das sich nach Zieldurchgang entlasten muss, muss sich ja nach Regel 22.2 von dem anderen Boot freihalten. Wenn das Schiedsgericht feststellt, dass das andere Boot seine durch 24.1 festgelegte Verpflichtung gar nicht erkennen konnte, dann war es für das Boot auch nicht vernünftigerweise möglich dieses Boot nicht zu behindern, sofern es sich nach seinem Zieldurchgang in normaler Weise aus dem Zielbereich entfernt. Wenn allerdings ein Boot nach seinem Zieldurchgang sich in völlig unnötiger Weise weiterhin im direkten Bereich der Ziellinie aufhält, läuft es in Gefahr für eine solche Behinderung bestraft zu werden.
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