Beweislastumkehr bei Frühstart

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Beweislastumkehr bei Frühstart

Beitragvon 0815 » Di 19. Nov 2013, 19:31

Immer wieder kommt es zu Anträgen auf Wiedergutmachung wegen "falsch" erkannter Frühstarter. Gerade bei Kinder- und Jugendregatten wird verhandelt bis in die Nacht.
Wir als Jury hören uns geduldig an, was jeder vorzutragen hat - schauen Protokolle durch, hören Funkverkehr ab und schauen Videos...
jeder macht mal Fehler... auch ein Wettfahrtleiter. Ich komme jedoch nicht umhin zu denken, dass die Jury immer öfter nur als Kontrollorgan angerufen wird. Dem Antrag auf Wiedergutmachung ist meistens keinerlei Beweis bzw. Zeuge beigefügt. Ist es hier nicht eigentlich Sache des PF zu beweisen, dass er eben nicht vor der Linie war ? Zahlendreher usw. ok... aber es wird sich 10 mal ein Video angeschaut, bei dem ( in Peilung oder nicht ) meistens genau das Boot natürlich nicht zu sehen ist, wohl aber in der Minute sauber als gefährdet kommentiert wurde. Doch just genau bei "0"... Das Wort des WL hat Bestand.
Wäre es nicht sinnvoll hier eine eindeutige Beweislastumkehr in die WR aufzunehmen ?
0815
 

Re: Beweislastumkehr bei Frühstart

Beitragvon Helmut » Mi 20. Nov 2013, 16:57

"Beweislastumkehr" impliziert, daß es eine Beweislast (der WL) gibt. Die Notwendigkeit als WL einen Frühstart zu beweisen wäre mir neu.
Aus welcher Regel könnte sich denn ergeben, daß die WL einen Frühstart beweisen muß?

Helmut
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Re: Beweislastumkehr bei Frühstart

Beitragvon Willii Gohl » Mi 20. Nov 2013, 17:42

Hallo,
im Zusammenhang mit der WR von Beweis, Beweislast oder Beweislastumkehr zu sprechen, ist wenig glücklich. Es gibt keine Verpflichtung etwas im juristischen Sinne oder mathematischen Sinne zu beweisen. "Überzeugen" "Argumente für etwas vortragen" ist vielleicht treffender.
0815, die von Ihnen geschilderten Mühen sind in dieser Ausführlichkeit gar nicht notwendig. Schauen Sie einfach mal auf den nachfolgenden Text. Das ist das, was bei internationalen Veranstaltungen u.a. am Schwarzen Brett hängt, es ist erklärte ISAF-policy, die so auch bei allen WorldCups, etc. angewandt wird.

Requests for Redress, Claiming RC Error in Scoring a Boat OCS, ZFP, UFD or BFD
Boats sometimes want to challenge the race committee’s decision to score them OCS, ZFP, or BFD by requesting redress under rule 62.1(a).
For a boat to be given redress, the competitor must provide conclusive evidence that the race committee has made an error in identifying the
boat as OCS. Even video evidence is rarely conclusive. In the absence of conclusive evidence to the contrary, the jury will uphold the race committee’s
decision. Evidence of the relative positions of two boats that are scored differently is not conclusive evidence that either boat started properly.

Hieraus ergibt sich von Anfang an, dass der Antragsteller verpflichtet ist, schlüssig vorzutragen, dass er kein Frühstarter war. Den Wettfahrtleiter muss man hier gar nicht "geduldig anhören".
Es gibt die Fragen an den Antragsteller: "Wieso warst Du nicht über der Linie?"
"Wurde Deine Videoaufnahme von einer Position gemacht, die genau auf einer Verlängerung der Linie lag?"
Und schon ist alles klar.
Willii Gohl
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Re: Beweislastumkehr bei Frühstart

Beitragvon 0815 » Mi 20. Nov 2013, 20:40

Ja... alles klar... war auch alles etwas überspitzt geschrieben... und... an unserem "schwarzen Brett" stand so etwas bis dato nie. In meiner nächsten Segelanweisung werde ich es nun genau so einbauen !
Vielleicht erledigt sich das Problem dann... dies so klar einigen Optieltern zu kommunizieren... die denken nämlich alle... der WL sollte es "beweisen" können...
0815
 

Re: Beweislastumkehr bei Frühstart

Beitragvon uli_finckh » Sa 23. Nov 2013, 15:41

Hallo 0815
Ich halte nicht viel davon, solche Dinge in die Segelanweisungen zu schreiben, da Segelanweisungen ja nur Regeln schreiben sollen und nicht übliche Auslegungen wiederholen, was sie sonst nur noch umfangreicher macht, so dass sie gar nicht gelesen werden. Das was Willii gesagt hat ist nun mal der Standard. Hierzu genügt es, das Vorgehen der Jury als einen Aushang am Brett der Jury auszuhängen. Die Zielsetzung, insbesondere bei Jüngstenregatten gute Jurys zu haben, sollte viel stärker von den Vereinen beachtet werden, als es bisher der Fall war.
uli_finckh
 
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