Auslegung Regel 20

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Auslegung Regel 20

Beitragvon Robert » Mo 30. Sep 2019, 14:53

Hallo Zusammen,

aufgrund eines aktuellen Vorkommnises, wollte ich hier bezüglich der genauen Anwendung von Regel 20 nachfragen, wie diese auszulegen ist.

Folgende Situation liegt vor:

Zwei Boote segeln auf selbem Schlag auf Amwind-Kurs segeln ohne Überlappung nahe beieinander.
Das Leeboot liegt weiter vorne und möchte wenden. Dies kann es jedoch nicht, da es sich nicht freihalten kann bei einer Wende.
Das Leeboot ruft dem Luvboot zu, dass es wenden möchte.
Das Luvboot reagiert nicht darauf.
Das Leeboot führt nun eine Wende durch und zwingt dadurch das Luvboot zum ausweichen.
Das Luvboot musste hierbei schon asuweichen bevor die Wende des Leebots vollendet war.

Nun gab es die Diskussion darüber, ob ein Zuruf das Luvboot verpflichtet so zu reagieren, dass das Leebot Raum zum Wenden hat.

Laut Regel 20.1 a, darf das Leebot nur Raum zum Wenden durch Zuruf verlangen, wenn es einem Hindernis ausweichen will und sich auf Amwind-Kurs befindet. In der oben beschrieben Situation war aber kein Hindernis vorhanden.

Insofern muss das Luvboot nicht auf den Zuruf reagieren. Allerdings besagt Regel 20.2 b, dass das Luvboot auch ohne vorhandenes Hindernis auf den Zuruf reagieren muss.

Bedeutet dies nun, dass jedes Boot in Lee durch Zuruf ein Boot in Luv zum Wegwenden zwingen kann oder wie ist Regel 20.2 b auszulegen?

Vielen Dank vorab

Robert
Robert
 
Beiträge: 5
Registriert: Mo 8. Jul 2019, 15:40

Re: Auslegung Regel 20

Beitragvon uli_finckh » Mo 30. Sep 2019, 15:32

Zum rufenden Boot:
Regel 20.1 verlangt, dass ein Zuruf nur erfolgen darf, wenn das anrufende Boot sich einem Hindernis nähert und zum Ausweichen am Hindernis eine wesentliche Kursänderung notwendig wird.
Macht es einen Zuruf für "Raum zum Wenden am Hindernis" ohne dass ein Hindernis da ist, verstößt es gegen Regel 20.1 und, wenn zweifelsfrei kein Hindernis da ist, auch gegen Regel 2. Das Boot riskiert dabei nicht bloß eine Disqualifikation wegen Verstoßes gegen Regel 20.1 sondern auch eine nicht streichbare Disqualifikation nach Regel 2.

Zum angerufenen Boot:
Regel 20.2(b) verlangt vom angerufenen Boot entsprechend Regel 20.2(c) zu reagieren, selbst wenn der Zuruf unberechtigt ist. Reagiert es nicht, verletzt es Regel 20.2(c). Der korrekte Weg für das angerufene Boot ist es deshalb, nach Regel 20.2(c) zu reagieren und zu protestieren.

Es gibt auf der Kreuz Situationen, an denen zwei Boote auf mit Wind von Bb eng zusammen liegen und das Leeboot ein 3.Boot mit Wind von Stb sieht, aber gleichzeitig die Sicht für das Luvboot auf dieses 3.Boot verdeckt. Diese Situation sollte man im Auge behalten, wenn man die Sinnhaftigkeit von Regel 20.2(b) hinterfragt.
uli_finckh
 
Beiträge: 412
Registriert: Mo 29. Aug 2011, 18:32

Re: Auslegung Regel 20

Beitragvon Robert » Mo 30. Sep 2019, 15:48

Hallo Herr Finck,

vielen Dank schonmal dafür. D.h. es gibt auch keine andere Regel, die einen Zuruf zur Wende erlaubt? Im vorliegenden Fall wollte das Leeboot aus rein taktischen Gründen wenden.
Robert
 
Beiträge: 5
Registriert: Mo 8. Jul 2019, 15:40

Re: Auslegung Regel 20

Beitragvon uli_finckh » Mo 30. Sep 2019, 16:10

Regel 20 ist die einzige Regel, die einen Zuruf notwendig macht. Eine Unterhaltung in der Form: "Würdest Du bitte Wenden, da dies taktisch besser wäre" ist kein Zuruf im Sinne von Regel 20. Ein Zuruf "Raum zum Wenden" ist immer eine klare Forderung! Diese Forderung muss immer durch die Bedingungen von Regel 20.1 begründet sein.
uli_finckh
 
Beiträge: 412
Registriert: Mo 29. Aug 2011, 18:32

Re: Auslegung Regel 20

Beitragvon Helmut » Mi 9. Okt 2019, 12:34

Auch Regel 61.1(a) macht einen Zuruf erforderlich. Während aber hier der Wortlaut mit "Protest" vorgegeben ist, ist das bei Regel 20 leider nicht der Fall.
Aus Ulis zweitem Beitrag ergibt sich, dass das Schiedsgericht im Rahmen der Tatsachenfeststellung erst mal rauszufinden sollte, ob die zugerufenen Worte wirklich ein VERLANGEN nach Raum ausgedrückt haben und nicht etwa nur ein Vorschlag oder eine Bitte waren.
Helmut
Helmut
 
Beiträge: 142
Registriert: Mo 2. Jan 2012, 12:47


Zurück zu Fragen zu Wegerechtsituationen und Schiedsrichterfragen

cron