Beobachter = Support Person > neue 69

In diesem Forum werden Fragen rund um das Regelwerk des Segelns beantwortet. Betreut wird das Forum von Ulrich Finckh, Internationaler Schiedsrichter, Mitglied im Racing Rules Committee der ISAF und Betreiber der Seite http://www.finckh.org.

Beobachter = Support Person > neue 69

Beitragvon 0815 » Mi 5. Okt 2016, 13:04

Wenn man zur einer EM bzw. WM fährt bietet sich meist eine gute Gelegenheit mit anderen Jurys ins Gespräch zu kommen und was zu lernen. Somit wird dies genutzt, wenn man höflich anfragt, ob man während der Hearings als Beobachter dabei sein darf. Kein Problem... gerne !
Vorausgesetzt natürlich, Unterschrift unter das Beobachterformular. Hinzu kommt die mehrmalige und unmissverständliche Mahnung, man sei nur das Bild an der Wand, man kann alles sehen und hören, darf jedoch niemals etwas sagen, weder während der Verhandlung noch danach !!!

Vier Verhandlungen gehen vorüber. Zum fünften Hearing werden PF und PG ausgerufen. Zwei Jugendliche betreten den Raum. Die internationale Jury aus 4 Nationen legt den beiden Zettel und Stift vor, damit sie ihre Namen aufschreiben. Jury stellt sich vor usw.. Der Juryobmann versucht mehrmals in englisch von PF zu erfahren, ob er das Wort Protest gebrauchte. Der PF will jedoch immer gleich den Sachverhalt schildern mit den Bötchen. Eindeutig Verständigungsschwierigkeiten. Der Juryobmann ist mehr als geneigt, bereits dort alles zu beenden. Ein anderes Jurymitglied wendet sich an die andere Jugendliche und fragt sie , ob sie den Zuruf "Protest" gehört habe. "Yes". Allgemeines Lächeln im Raum.... Alles geht weiter. Die Situation lt. Regel 10 ist von beiden unstrittig, beide beteuern, ja so war es . Niederschrift, Entscheidung, Verkündung. PG wird disqualifiziert.
Die Verhandlungen 6 bis 8 folgen.
Nach Ende der letzen Verhandlung wartet immer noch ein Junge draussen und fragt, wann er wohl dran sei. Verwunderung und Feststellung wer er sei und dass sein Fall bereits abgeschlossen sei wurde mitgeteilt. Er sei aber gar nicht anwesend gewesen.... in Abwesenheit verhandelt ? Nein, lt. Protokoll waren beide Parteien da.
Ergebnis der Recherche, anwesend war der Steuermann und die Vorschotfrau des PF. Punkt.
Die Jury setzt eine Wiederaufnahme für den nächsten Tag an.

....und dann gehts los !!! Der Juryobmann hat sich nicht wirklich mehr im Griff, höflich gesagt. Er geht den Beobachter an.... Der Beobachter wusste wer die beiden waren, nicht aus seinem Verein oder Bundesland, aber bekannt.
Vorwurf der Jury, der Beobachter hätte reagieren müssen, als die Verwechslung offenkundig wurde. Der Beobachter soll seine Sachen nehmen und sich nie wieder im Juryraum blicken lassen. Wenn es dieses Jahr schon den neuen 69 geben würde, würde er eine entsprechende Strafe verhängen.

Der Beobachter ist natürlich nicht bezuckert von der Situation... Er gibt nur ein kurzes Statement ab. Er ist der Aufforderung der Jury nachgekommen, nichts zu sagen. Er sehe es nicht als seine Aufgabe an, eine internationale Jury zu kontrollieren bzw. zu berichtigen. In seiner Abwesenheit wäre es genau so passiert.

Lt. neuer WR ist der Beobachter auf alle Fälle Support Person, da er ein Vater, Trainer, Betreuer usw. von Mitgliedern des deutschen Teams war.

Nun bitte ich um eine Beurteilung von euch.... ist der Beobachter grob unsportlich gewesen.... der Jury gegenüber ?
Ist dies ein Fall für den neuen 69er und wie sehe dann gegebenenfalls die Strafe aus ?
0815
 

Re: Beobachter = Support Person > neue 69

Beitragvon thorsten » Mi 5. Okt 2016, 13:16

Tja, wie das mit neuen Regeln so ist, gibt es hierzu noch keine Präzedenz.

Wie auch immer, der Beobachter hat nichts falsch gemacht - er hat im hearing die Klappe zu halten und das hat er getan.

In dem Fall hat vermutlich die Jury einfach den Fehler gemacht, nicht nachzufragen, wen man da eigentlich zu Gast hat.
Soll nicht passieren, kann aber.
Und sofern das ganze Thema einfach durchgerutscht ist, haben auch die beiden Jugendlichen im Raum nichts falsches getan.
Dann wird einfach wiedereröffnet wegen Fehler der Jury und das Ding neu verhandelt. Kostet ein wenig Zeit und kratzt auch vermutlich ein wenig am Image, aber sonst ist nix passiert.

Ungehalten muss man nicht reagieren, allenfalls eventuell ein wenig Selbstironie und Humor mitbringen.

Anders sähe es aus, wenn der vermeintliche PG vorgegeben hätte, er sei tatsächlich der richtige PG. Dann wären wir beim Thema lügen - das wird dann auch schnell unfein - wobei gerade in einem solchen Fall dann professioneller Ernst vor Ärger und Aufbrausen stehen müssen.

Gruss
Thorsten
thorsten
 
Beiträge: 85
Registriert: Do 5. Jan 2012, 02:45
Wohnort: frankfurt

Re: Beobachter = Support Person > neue 69

Beitragvon Helmut » Mo 21. Nov 2016, 21:24

Hm, was soll man denn davon als "kleiner" regionaler Schiedsrichter blos halten?
Da sitzen mindestens fünf "hochkarätige" Judges zusammen, davon mindestens 3 mit der Lizenz zum "Internationalen Schiedsrichter" und dann beachten die Herren nicht mal die einfachsten Prüf-Maßnahmen, auf die auf jeden Wald-und Wiesen-Schiedsrichterlehrgang schon die "Ganz Unteren" hingewiesen werden (M2.1, Pkt 3 und 4). Keinem der Herren fällt ein, mal offiziel und formal danach zu fragen, wer denn hier der PF und wer der PG ist. Beim Ausfüllen der Protestformular-Zeile
"Other party, or boat being considered for redress, represented by: ............" hätte der Irrtum doch auffallen müssen. Spätestens jedoch als man zu M3.1, Pkt 8 gelangte. Oder ist man gar nicht soweit gekommen und hat nach "Gutsherrnart"entschieden?
Und dann setzt dieser Herr Vorsitzende dem Ganzen noch die Krone auf, indem er auf einen Unschuldigen losgeht, wohl um vom eigenen Versagen abzulenken.
Einfach nur traurig.
Helmut
 
Beiträge: 106
Registriert: Mo 2. Jan 2012, 12:47

Re: Beobachter = Support Person > neue 69

Beitragvon thorsten » Mo 21. Nov 2016, 22:40

Helmut hat geschrieben:Hm, was soll man denn davon als "kleiner" regionaler Schiedsrichter blos halten?

Eigentlich nicht mehr, als dass Fehler auf allen Ebenen passieren können und wir alle nur mit Wasser kochen.
Der Umgang mit dem Fehler ist, was zählt - und zwar sowohl seitens desjenigen, dem der Fehler unterlaufen ist, als auch seitens der Betroffenen und nicht zuletzt seitens Aussenstehender.



Helmut hat geschrieben:Oder ist man gar nicht soweit gekommen und hat nach "Gutsherrnart"entschieden?

Gewürfelt. Üblicherweise wird gewürfelt. Oder eine Münze geworfen. Meistens wird aber einfach eine Ente geschlachtet oder aus Wolkenbildern gelesen ;)



Helmut hat geschrieben:Und dann setzt dieser Herr Vorsitzende dem Ganzen noch die Krone auf, indem er auf einen Unschuldigen losgeht, wohl um vom eigenen Versagen abzulenken.
Einfach nur traurig.

Ein Fehler ist nicht immer gleich Versagen - für mehr Grautöne zwischen Schwarz und Weiß (wir kennen das vom durchschnittlichen Segeltag an der Küste) ;)
Vermutlich hätte man souveräner und eleganter handeln können - aber wir waren alle nicht dabei und wissen letztlich nicht, was genau passiert ist. Zumindest nicht gut genug, um uns ein gesichertes Urteil bilden zu können, welches auf sichereren Füssen steht als die beschriebene Situation ;)
thorsten
 
Beiträge: 85
Registriert: Do 5. Jan 2012, 02:45
Wohnort: frankfurt


Zurück zu Fragen zu Wegerechtsituationen und Schiedsrichterfragen

cron